Eine Lanze für den Mainstream?


Philip Seymour Hoffmans bisher letzter Auftritt in einem Kinofilm ist mir noch in guter Erinnerung. Als Plutarch Heavensbee verlieh er der Hollywood-Romanumsetzung von Suzanne Collins “The Hunger Games” ein Mehr an Seriösität, in etwa vergleichbar mit den Auftritten Michael Caines in den Batman-Filmen. Zur Seriösität gesellte sich eine von mir so nicht erwartete Dystopie, die nicht von ungefähr an “1984″ und “Running Man” erinnert. Der Regiewechsel von Gary Ross zu Francis Lawrence hat dem Projekt einen gänzlich neuen Anstrich verliehen. Als ich den ersten Film in den eigenen vier Wänden sah, war ich zwar nicht enttäuscht, vom Hocker gerissen hat er mich jedoch auch nicht. Zu sehr fixiert auf die FSK-12-Freigabe erschien mir der Schnitt, zu glatt die Schauspieler. Ganz anders der zweite Film, den ich ehrlich gesagt hauptsächlich wegen Jennifer Lawrence und ihrer Performance in “The Silver Linings Playbook” (übrigens auch ein hervorragender Roman von Matthew Quick) sehen wollte. Ein bisschen Darstellerinnen-Fetisch wird schließlich noch erlaubt sein… In Erwartung von Großaufnahmen von Frau Lawrence und ein bisschen Action enterte ich den Kinosaal und wurde von der depressiven Stimmung des Films erschlagen. Panem scheint lediglich aus Grautönen zu bestehen, Lawrence alias Katniss Everdeen schon mit knapp 17 Jahren eine gebrochene Person zu sein, die von Alpträumen heimgesucht wird. Die sogenannten Peacekeeper, die an Sturmtruppen erinnern, schießen bei Demos in die Menge (Hallo, Ukraine!) und Bürger werden auf dem Marktplatz ausgepeitscht. Die Folge: Rebellion.

Wenige Tage nach dem Kinobesuch erreichte mich das noch in der Nacht bestellte Paket mit allen drei Büchern der Trilogie. Am Stück las ich sie durch. Die Ich-Perspektive überraschte mich, hatte ich doch nach einigen Szenen in den Filmen, in denen die Hauptdarstellerin nicht vorkommt, nicht damit gerechnet. Was jedoch noch viel stärker auf mich wirkte war die Konsequenz, mit der sich die Autorin dem Charakter ihrer Protagonistin verschreibt, was sich einerseits durch die permanenten Zweifel am eigenen Handeln zeigt, auf der anderen Seite natürlich auch durch die dunklen Flecken in der Rahmenhandlung. Wie Katniss Everdeen erfährt der Leser wirklich nur über Gespräche mit anderen Figuren und über Broadcasts (denen man natürlich nicht glauben sollte), was im ehemaligen Nordamerika geschieht und wie es dazu kam, dass das Land jetzt Panem heißt und vom Capitol beherrscht wird.  Geschickt wird mit der Allmacht der Medien gespielt, der Klassenkampf skizziert und ständig gelingen Collins Seitenhiebe auf die aktuelle politische Lage. Dazu gesellt sich der Umstand, dass Katniss eben nicht die strahlende Heldin ist, sondern mit ihren Ängsten und Wutausbrüchen erstaunlich menschlich bleibt. Sie ist keine Ein-Mann-Armee und ebenfalls nur ein Teil der Rebellion, als welcher sie aufgrund ihrer Geschichte eine etwas exponiertere Stellung als andere Rebellen einnimmt. Doch sind die Rebellen überhaupt wirklich die Guten? Man sollte als Zuschauer der kommenden Filme wohl auch nicht mit einem allzu perfekten Happy End rechnen, wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass sich die bisherigen zwei Verfilmungen ziemlich exakt an die Vorlagen gehalten haben.

“The Hunger Games” hat bei mir keinen so bleibenden Abdruck hinterlassen wie Erzählungen von Borges, die Prosa Kafkas oder der Debütroman eines gewissen Alex Garland, doch wenn Mainstream so aussieht, dann gerne mehr davon. Wäre mir hundertmal lieber als der nächste Robert-Langdon-Roman, für den man sich schon wegen der Formulierungen während des Lesens schämt.

[Marco Orgiu]




T.C. Boyle – San Miguel


Im Laufe der vergangenen 30 Jahre hat sich T.C. Boyle immer wieder neu erfunden. Mit fast jedem Jahr folgt ein neuer Roman und mit jedem Roman eine neue Überraschung. Das Leben des Cornflake-Erfinders, Hippies, Identitätsdiebstahl, Umweltaktivisten……er hatte sie schon alle im Fokus.

Und dennoch erkennt man hierbei immer wieder einen Faden, der so rot ist wie seine Schuhe und seine wachsende Anhängergemeinde durch sein gesamtes Œuvre führt. Auch in San Miguel werden Boyle-Liebhaber mehrere Fäden wieder aufgreifen können. Ähnlich wie seine Auseinandersetzung mit John Harvey Kellog (Welcome To Wellville) oder Frank Lloyd Wright (The Women) stehen hier Menschen im Fokus, die sich in dieser Welt einen eigenen Mikrokosmos schaffen, der einer Utopie ähnelt. Auch diesmal beschäftigt er sich mit wahren Begebenheiten und erweckt die Menschen auf seine Art wieder zum Leben. Doch im Gegensatz zur umfangreichen Sekundärliteratur zu Frank Lloyd Wright, dienten ihm bei der Arbeit an ‘San Miguel’ lediglich eine Insel, einige Briefe und Zeitungsartikel als Vorlage.

San Miguel ist Boyles erster historischer Roman, wenn man von ‘Wassermusik’ absieht, das historische Romane auf den Korn nahm. Der Roman verbindet die Geschichte zweier Familien, die Ende der 18. Jahrhunderts und zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren auf der unbewohnten Insel San Miguel ein neues Zuhause suchen. Die idyllische Insel an der Küste Kaliforniens entpuppt sich jedoch als lebensfeindlicher Raum und die Isolation der Bewohner sorgt zusätzlich für die typischen Boyle-Tragödien. Im Mittelpunkt des Romans stehen die Frauen Mirantha und Elisa und ihre persönliche Geschichte.

Es sind die große Tragödien und kleine Glücksmomente dieser beiden Frauen, die T.C. Boyle hier meisterlich zu einem homogenen Ganzen knüpft und den Leser wie auf Wellen von einer Seite zur nächsten schwemmt. Angetrieben wird man hierbei von den authentischen Charakteren und Boyle Sprachrythmus, der insbesondere das laute Lesen des Romans zum absoluten Genuss macht. Hier klingt tatsächlich John Coltrane durch, den Boyle gerne beim Schreiben hört und als Taktgeber verwendet. San Miguel ist ein weiteres Meisterstück, bei dem T.C. Boyles Erzählkunst beim ersten Teil noch an die Tragödien eines William Faulkner erinnert, den man irgendwo im Pazifik ausgesetzt hat, und im zweiten – und noch stärkeren – Teil irgendwo zwischen Robert Louis Stevenson und Ernest Hemingay pendelt. Tief verwurzelt in der amerikanischen Literaturgeschichte und dem großen Kanon absolut würdig.




Sibylle Berg – Vielen Dank für das Leben

Sibylle Berg Vielen Dank

Vielen Dank Frau Berg! Ihr neuer Roman hat drei Tage meines Amerika-Urlaubs verschluckt. Im Flieger war mir die Aussicht über Grönland egal, in Seattle war mir die Space Needle für 3 Tage egal. All die grünen Scheine und Wiesen, all die US-Dichter und auch die kommunikativen und liebenswerten Menschen konnten mich mal. Nur ihre Sätze und die Geschichte um Toto zählten. [»]




Norbert Aping – Laurel und Hardy auf dem Atoll

Norberg Aping

Laurel und Hardy, in Deutschland auch besser bekannt als Dick und Doof, sind wohl tatsächlich unsterblich. Der naive Stan Laurel und sein dominanter Freund Oliver Hardy. Ein Komiker-Duo aus Zeiten verstaubter schwarzweiß Fotos, auf denen unsere Großeltern ernst schauen. Überlebt haben die Filme und das Image der beiden Figuren bis heute. Selbst die Generation Schießmichttot, die sich meist von barbusigen Blondinen, Jackass und Vera tut Gutes oder Supernanny unterhalten lässt, kann mit Laurel & Hardy etwas anfangen. Grund dafür ist die Unschuld und der unvergleichbare Charme der beiden. Nun wurde ausgerechnet dem Film Atoll K, der häufig als trauriger und unwürdiger Schlusspunkt der fast makellosen Karriere der beiden Komiker angesehen wird, ein Buch gewidmet. [»]




Chuck Palahniuk – Damned

Chuck Palahniuk

In der Hölle gibt es kein W-Lan, ‘Der Englische Patient’ läuft auf Repeat und auch sonst ist es eher ein ungemütlicher Ort. Mit ‘Damned’ legt uns der berühmte US-Autor Chuck Palahniuk seine Version des Infernos vor. [»]




Dark Star: An Oral Biography Of Jerry Garcia

Dark Star Garcia

Als Jerry Garcia am 09. August 1995 an einem Hertinfakt starb, blickte der füllige Bartträger auf ein ereignisreiches Leben zurück. Während seiner 53 langen Reise durch das Leben heiratete er 3 mal, spielte mit Grateful Dead weit mehr als 2000 Konzerte, wurde Vater von vier Kindern, veröffentlichte dutzende Platten und brach mindestens genausoviele Herzen. [»]




Zazie


Zazie Dans Le Metro ist Malles “Spiel”-Film. Ein Werk, bei dem sich der Regisseur frei austoben konnte. Als Vorlage hierfür diente ein wegweisender Roman von Raymond Queneau. [»]




John Griesemer – Herzschlag


Ein Mann fällt in ein Koma und verpasst ein tragisches Ereignis, das die Welt verändert. Nein, hier stellen wir nicht Danny Boyles Zombie-Meisterwerk “28 Days Later” vor, sondern John Griesemers Roman zu den Ereignissen am 11.09.01. [»]




Tom McCarthy – 8½ Millionen


Was würdest du tun, wenn du plötzlich £8500000 bekommen würdest? Die Titelfgur in Tom McCarthys gefeierten Debütroman fndet ihre eigenen sonderbaren Wege die unvorstellbare Summe zu verpulvern und bietet damit den Stoff für einen unterhaltsamen und zugleich philosophischen Roman. [»]




Asterix & Obelix feiern Geburtstag (Band #34)


Am 29. Oktober 1959 erblickten Asterix und Obelix in dem französischen Magazin PILOTE das Licht der Welt. Seitdem sind die witzigen und kampfeslustigen Gallier nicht mehr aus der mitteleuropäischen Comic-Szene wegzudenken. René Goscinny (Text) und Albert Uderzo (Zeichnungen) schufen kulturelle Ikonen, die bis heute grenzübergreifend wirken und keinerlei Schwung verloren haben. Wenn die Römer eins auf die Mütze bekommen, lacht man heute noch genauso laut wie vor 30, 40 oder 50 Jahren. [»]




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