Paolo Nutini – Sunny Side Up


nutinisunny Paolo Nutini   Sunny Side Up

Mit Vorurteilen hat jeder Mensch zu kämpfen, die einen mehr, die anderen weniger. Wenn es um angebliche Singer/Songwriter-Beaus zwischen 20 und 30 geht, greifen da schnell die marktüblichen Mechanismen. Eigentlich vielversprechend, unterschreibt ein großes Talent bei einem Major und wird in der Folge zum nichtssagenden und vergelten Teenie-Schwarm heruntergebrochen. Beispiele gibt es da in den letzten Jahren mehr als genug. Es gibt die Kotzbrocken, für die das neue Schmalzumfeld wie geschaffen ist (James Blunt oder James Morrison), die armen Würstchen, um die es einem leidtut, weil man sie mal sehr gerne mochte (Howie Day, Matt Nathanson oder John Mayer) und die Abgeklärten, die trotz aller Schmirgelversuche glaubwürdig und bis zu einem gewissen Grad nachhaltig bleiben (Matt Costa, Mason Jennings oder Jack Johnson). Und dann gibt es die Unentschiedenen, die irgendwie zwischen allen Stühlen sitzen. Jason Mraz ist so einer, Ray LaMontagne ein anderer und Paolo Nutini der, um den es hier gehen soll.

Nutini veröffentlichte in diesen Tagen sein zweites Studioalbum. Nach dem äußerst erfolgreichen “These Streets“ (2006) läutet er nun mit “Sunny Side Up“ den kurz bevorstehenden Sommer ein. Gleich der Opener, “10/10“, wirkt wie eine Mischung aus Bob Marley, John Martyn und Donovan – Nutini ist eben vielseitig. Die große Stärke des gerade einmal 22-jährigen Schotten ist dabei seine Stimme. Sie enthält mehr Seele als die manch doppelt so alter Kollegen und kann durch ihre Einzigartigkeit punkten. Rau und erdig, wie LaMontagne, und gleichzeitig vor freudiger Energie sprudelnd, wie Mraz. Nutini beschränkt sich glücklicherweise nicht auf langweiligen, aber Einheiten verkaufenden, Singsangpop, er untermauter mit “Sunny Side Up“ auf Albumlänge, dass er sich seiner traditionellen Pflicht als Singer/Songwriter durchaus bewusst und gewillt ist diese Werte in die Welt zu tragen.

Also nicht einfach den Fehler machen und beim Namen Paolo Nutini sofort auf Durchzug schalten und an die unsäglichen Kollegen Blunt und Morrison denken. Nutini kann mehr und das zeigt er auf seiner neuen LP “Sunny Side Up“ auch zur Genüge. Der Meister der amerikanisch-britischen 60’s- und 70’s-Referenzen, die Nutini ebenfalls äußerst oft bemüht, bleibt in diesem Bereich zwar weiterhin Matt Costa, aber Paolo Nutini kann im Konzert der jungen Großen überraschend gut und problemlos mitspielen.
[Sascha Knapek]