
Jesy Fortino aka Tiny Vipers ist Seattle. Ihr Sound ist wohl das, was zwangsläufg dabei herauskommt, wenn man eine talentierte Musikerin zwischen der Stille der hohen Wälder und dem urbanen Treiben um die Space Needle, zwischen der verregneten Melancholie der Stadt und dem bedingungslosen Treiben der Industrie, zwischen dem Nachhall der Schrotfinte 1994 und dem nebengeräuschen der Apple IPods 2008 aussetzt und Songs schreiben läßt. Eine Postkarte aus Seattle, die den ständigen Wandel aus Ebbe und Flut, den die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten durchlebte und die Ambivalenz aus Isolation und High-End Life in Musik fasst.
Die junge Songwriterin, die in Oakland aufgewachsen ist, hat eine Affnität zu Wäldern. In ihrer Jugend vebrachte sie viel Zeit in Waldgenden herum und entdeckte die düsteren Wälder als Spielraum. So würde sie auch ihre Musik mit den Wäldern vergleichen, da sie mit diesen neben der Schönheit der Natur auch stets Leere, Gefahr und etwas düsteres assoziierte. Und eben diese Stimmung möchte sie auch mit ihrer Musik schaffen. Dementsprechend heißt ihr Debütalbum, das sie vor einem Jahr nach dem Efolg ihrer selbstbetitelten Demo herausbrachte “Into The Void”. Das Abtauchen in den Hohlraum, den Jesy Fortino da auf ihrem Debüt kreiert hat, ist nicht wirklich ein Kindergeburtstag. Wie in einer Höhle muss sich der Hörer erst langsam an die Dunkelheit gewöhnen.
Und dunkel ist diese Platte wahrlich. ‘Trust me..it´s dark’ sagte ihr Freund Damien Jurado einst, als er von seiner “Where Shall You Take Me” Platte sprach. Das trifft auch hier zu. Wenn man Jesy Fortino auf der Bühne sieht, könnte man gar nicht auf die Idee kommen, dass die Musikerin in Wirklichkeit ein freundlicher und gar recht fröhlicher Mensch ist. Live sitzt sie in sich selbst versunken an ihrer Gitarre und baut langsam ihre Songs auf, die so gar nicht catchy sein wollen, sich teilweise über 10 Minuten erstrecken und in endlosen Gitarrenpickings enden. Hin und wieder kommt es vor, dass sie eine Pause zwischen den Stücken macht und für einige Sekunden den Kopf hebt. Dies ist jedoch eher eine Seltenheit.
Jesy hat soeben ihre Tour als support von Damien Jurado beendet. Nach ihrer Rückkehr nach Seattle folgen die Arbeiten am neuen Album. Zu Ihren Lieblingsmusikern zählen Helden wie Townes Van Zandt, Neil Young oder ihre Labelkollegen Sera Cahoone. Namen die einem als mögliche Referenz einfallen würden, wenn sich das Songwriting der Musikerin nicht so gegen alles sträuben würde. Langsam und düster sind hier die Begriffe, die alles aussagen. In diesen Disziplinen wird Jesy wohl lange Zeit ungeschlagen bleiben.
Beim Blick auf die Tracklist ihres Debüts fällt zunächst der Titel “Swastika” in´s Auge. Eine Referenz zu dem Hanswurst und dem sonderbaren Nazi-Hype der 30er Jahre sucht man hier jedoch vergebens. Hier geht es um die eigenen Wege, die man im Leben geht. Robert Fosters “The Road Not Taken” fällt einem bei Jesys Beschreibung des Songs ein. Und gerade in dieser Ambivalenz, diesem Raum aus Spannung, entsteht der großartige Moment dieses Songs. “if fesh could crawl back to the bone from terrors build tiny sacred biolimbs from the marro (then) the pilot may stand or talk like a fellow”. Dazwischen Leere und ein leises leises rauschen. Hier wird die Kunst ihrer Künstlichkeit beraubt und so still kann die Vertonung eines Infernos klingen.
[Sebastian Jegorow]


