Lucky Luke – Der Mann aus Washington (Bd. 84)


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Knapp acht Jahre ist es her, da segnete Maurice de Bévère – alias Morris – überraschend das Zeitliche. Der Zeichner, der den „einsamen Cowboy“ Lucky Luke erfand und ihn zusammen mit seinem kongenialen Szenaristen René Goscinny zu einer Ikone der europäischen neunten Kunst machte, würde fortan also keine neuen Abenteuer des Mannes auflegen könnten, der „schneller zieht als sein Schatten“. Im Gegensatz zu Tim und Struppi-Erfinder Hergé, der eine Weiterführung seiner Reihe nach seinem Tod testamentarisch verbot, verfügte Morris allerdings, dass Lucky Luke weitergehen und neue Abenteuer entstehen sollen.

Mit Achdé fand man einen neuen Zeichner und zusammen mit dem Texter Laurent Gerra machte sich der 47-jährige Franzose in den letzten Jahren daran, das große Erbe von Morris würdig weiterzuführen. An regulären Bänden veröffentlichte man bis dato “Schikane in Quebec“ (2004) und “Die Daltons in der Schlinge“ (2006) – beides durchaus würdige Vertreter in der bislang knapp 63 Jahre langen Geschichte des ehrenwerten Kuhtreibers mit dem schnellen Revolverhändchen.

“Der Mann aus Washington“ heißt nun der dritte vollständige Band des Teams Achdé/Gerra und ohne Zweifel ist es ihr bislang bestes Werk. Ganz in der Tradition von Morris bleibend, verknüpft man historische Wahrheiten mit fiktionalen Erzählelementen und geizt nicht an Gastauftritten alter Bekannter (z. B. Billy the Kid oder einer dunklen Gestalt, die man aus Band 43, “Der Kopfgeldjäger“, kennt) und historischer Figuren wie Mark Twain, Buffalo Bill oder dem Ragtimer Scott Joplin. Der titelgebende “Mann aus Washington“ ist ebenfalls eine solche historische Figur, der 19. Präsident der Vereinigten Staaten, Rutherford B. Hayes (1822-1893).

Von der Handlung möchte ich an dieser Stelle nicht allzu viel verraten, nur so viel: Luke wird von einem befreundeten Senator gebeten den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, Rutherford B. Hayes, auf dessen Wahlkampfreise ins amerikanische Heartland zu begleiten. Ein neureicher Ölmagnat aus Texas versucht nämlich sich die Kandidatur unter den Nagel zu reißen und schreckt vor keinen Maßnahmen zurück, die ihn diesem Ziel näher bringen. Wem das jetzt alles irgendwie bekannt vorkommt, der liegt goldrichtig. Der Ölbohrer namens P. Camby erinnert äußerlich und charakterlich an einen gewissen W. Bush – dem kreativen Team ist eine herrliche Parabel gelungen. Achdé und Gerra lassen die kontemporären politischen Ereignisse in den USA grandios in die Geschichte mit einfließen und machen das oft trockene Thema Politik zu einem fabelhaften Hintergrund für das aktuelle Lucky Luke Abenteuer.

Auf der Reise durch den Westen macht Luke das, was er am besten kann: Er gibt den aufrichtigen Kämpfer fürs Gerechte, rettet mit einem Augenzwinkern und dem obligatorischen Grashalm im Mund jeden vor Gefahren, der seine Hilfe benötigt, macht die Bösewichte am Ende dingfest, und reitet anschließend in den Sonnenuntergang. Ihm begegnen dabei so viele Anspielungen auf aktuelle Geschehnisse und Figuren wie schon lange nicht mehr. Sei es der NRA-Chef Sam Palin(!), die Gogo-Tänzerin Britney Schpires oder einen Vorvater der Schmierjournalisten von FOX – Achdé und Gerra sparen nicht mit kritischen Seitenhieben auf das momentane Zeitgeschehen in den USA. Sogar die Esskultur der Amis bekommt beim Hinweis auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen der damaligen chinesischen Bahnarbeiter ihr Fett weg.

Die zeichnerische Umsetzung des neuesten Bandes ist über alle Zweifel erhaben. Achdé führt das Vermächtnis von Morris präzise weiter, in jedem Panel steck Witz und große Liebe zum Detail. Allein die Szene auf der Beale Street in Memphis – inklusive Michael Jackson- und Elvis-Cameo – oder die Episode im deutschen Dorf ‘Hermann‘ – in dem die Berliner Mauer bereits 1876 fällt – lässt einen lang verweilen und die Erkundung jeder Ecke, jedes Striches, macht so viel Freude, wie früher bei Morris. “Der Mann aus Washington“ müsste jetzt endgültig alle Zweifler überzeugen, die weitere Ritte in den Sonnenuntergang nach Morris‘ Tod für einen Fehler hielten.

[Sascha Knapek]
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