Freunde, es ist Zeit für einen Bonus…
…dachten sich die Macher des Rolling Stone Magazins, als sie sich entschlossen der kommenden Ausgabe das brandneue Lambchop Album “Oh (Ohio)” als original CD mit Jewel Case beizulegen. Nun, derart romantische Vorstellungen von den Motiven des Cityslang Labels und des Rolling Stone wären wohl verdammt naiv. Der Rundbrief des liebenswerten Cityslang Labels, der diese Neuigkeit verkündet, klingt selbst nach einem Verzweiflungsakt. Vielleicht steht es tatsächlich so schlecht um “Indie”. Vielleicht hatte Tom Liwa recht, als er in einem seiner besseren Songs sang, dass da noch Musik sein wird, sweet sweet music, lange nachdem der ganze Scheißkapitalindividualismus eines schönen Tages zusammengestürzt ist.
Dann kommt eine Musiklandschaft auf uns zu, in der gute Musiker wie Kurt Wagner oder Josh Rouse alle als Truckfahrer oder Altenpfleger arbeiten müßen. Losgelöst von Labels und nur von einigen Freunden ihrer Kunst unterstützt. Wie man es desöfteren unseren Interviews mit begnadeten Musikern wie Moran Caris alias Flowers From The Man Who Shot Your Cousin entnehmen konnte ist gute Musik trotz der sozialistischen Aspekte eines Web 2.0 schon längst (wieder) eine brotlose Kunst. Die Künstler stecken dadurch im richtigen Leben, dessen Abstinenz bereits unzählige Ex-Musiker wie Chris Martin in die Produktion schlechter und uninspirierter Longplayer abdriften ließ.
Dem Konsumenten ist seine Rolle wurscht. Dieser freut sich über die neue Lambchop Platte, die er nun für 6,90€ mit einer Ausgabe des Rolling Stone Magazins als Beilage am Kiosk bekommt.
Während unsere zehnte Ausgabe zusammengestellt wurde, verfiel ich nach und nach den Filmen von Louis Malle und holte unzählige Lücken seiner Filmographie nach. Einzig sein großes Meisterwerk “Das Irrlicht” liess mich gespalten zurück. Dabei passte mir einfach die Hauptfigur nicht. Von der Zeit überholt fiel mir beim Schauen ständig der unerwünschte Satz “Der ist doch voll Emo” in den Sinn. Es ist schlicht absurd glaubwürdig mit dem Leben abzuschließen und an Abschiedsbriefe zu denken. Wer das Leben und die eigene Identität verneint und sich zum egoistischen Akt eines Suizids entschließt, der verfällt in kein Gejammer und keinen dummen Abschiedspathos, sondern endet in schlichter Indifferenz. Da half auch der sonst so toll gemachte restliche Teil des Films nicht, in dem Alain durch sein altes Umfeld zieht und nach einem Grund zum Bleiben sucht. Immerhin blieb sich der fiktive Alain selbst treu und schlug keine versöhnlichen Töne an, die mir beim Abschiedsbrief des reellen Kleist so übel aufgestoßen sind und seitdem Millionen von Literaturwissenschaftlern als romantische Wichsvorlage dienen. 
Eigentlich auch eine Idiotie Abschiedsbriefe zu konsumieren. Eine gigantische Idiotie. Na ja, Abschiedsbriefe sind aber auch ein dummes Thema. Louis Malle Filme wie “Pretty Baby”, “Damage”, “Eine Komödie im Mai” oder “Die Liebenden” jedoch ein verdammt gutes, diese ständige Metamorphose und Sucht nach Reflektion. Da gibt es noch viel mehr sehenswertes zu entdecken. Insbesondere Zazie, den Road Runner auf LSD, von dem ich momentan nicht genug kriegen kann.
Und wo eine neue Liebe (und derer gibt es nun zwei, ich möchte dies hier als gigantisches Plakat, verdammt) beginnt, da erlischt eine alte. Nachdem ich mich in der Vergangenheit zum treuen Leser und Verfechter der Cicero entwickelt habe, geht es mit meiner Liebe nun bergab. Die Zeitschrift feiert die guten Verkaufszahlen und versinkt gleichzeitig in der öden Wiederholung. Fast wirkt es schon so, als hätte man die kompetenten Verfasser spannender Beiträge gegen Roboter ersetzt, die maschinell die üblichen Ingridenzien beitragen und so mal um mal eine verdammt öde und vorhersehbare Ausgabe des sonst so seriösen Magazins zusammenstellen. Schade, dass ein ambitioniertes Magazin sich nun, trotz der vielen neuen Möglichkeiten, langsam in ein solch belangloses Blatt - einen langweiligen Crowdpleaser - entwickelt.
Seit mehreren Monaten immer mit dabei: der hinterfragte Bio-Trend, die 68er-Nostalgie, die zerstrittene SPD mit ihren lächerlichen Figuren, der humane Barrak Obama und sein liebevolles Umfeld, der kontroverse Sloterdijk, von dem man seit einigen Ausgaben nur in dritter Person spricht, während der Cicero-Liebling Martin Walser gleich auf zwei Seiten seine hinterfotzige Geschichtsverzerrung ausbreiten darf. Jeder spielt eben brav seine verfickte Rolle.
Die August-Ausgabe beinhaltete sage und schreibe drei Artikel, die lesenswert waren. Allen voran ein sehr lesenswertes Interview mit Lévi-Strauss. Der Rest ist Papierverschwendung und des Umblätterns nicht wert. Auch in der neuen Ausgabe, die ich zum ersten mal mit einem großen Bogen im Kölner Bahnhofshandel begutachtete und der ich mich auch nicht weiter nähern möchte, scheint wieder mal alles beim Alten zu sein. Nun ist aber Schluß. Liebe Cicero, wir haben uns auseinandergelebt. Diese bösen Worte waren meine Letzten. Kein böses Blut. Sich in eine Polemik hineinsteigern macht müder als S-Bahn fahren. Danke für die gute Zeit, die immernoch in meinem Regal steht. Knowing me knowing you it´s the best I can do.
[Smutek]
´August 30, 2008









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