bergen – Zeiten für Kerle


Irgendwo ist etwas schiefgelaufen. Das Land ist wieder geteilt, dein Leben erkennst du nicht mehr wieder und musst bei deinem Alter auch manchmal nachzählen. Keine Frage, die Zeiten für Kerle haben begonnen. Doch es sind vielleicht nicht die Kerle, nach den sich die Welt heutzutage sehnt, die hier gefragt sind. Keine Superhelden aus Blockbustern, keine Millionäre mit lustigen Haaren, keine populistischen Parteien, sondern Bands mit dem Herz am richtigen Fleck und einigen wohligen neuen Songs, an den sie seit 3 Jahren gebrütet haben.

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Es ist ein bemerkenswertes Mini-Album, das die Dresdner Band bergen nach einer 3-jährigen Auszeit mit Zeiten für Kerle abgeliefert hat. 6 Songs, die auf diese bergen-typisch persönliche Art ins Wanken geratene Lebensentwürfe, skurrile Gestalten und die Kälte und den Hass der Pegida-Demonstranten thematisiert. Die Zeile „Es ist alles entgleist“ aus dem Intro wird zum Thema der Platte. Das persönliche Leben, die Mitmenschen..irgendwo scheint alles aus den Fugen geraten. Und der Versuch alles auf die persönliche Ebene herunter zu brechen und in Songs zu verpacken, wirkt wie ein erster Lösungsansatz. Es ist weiterhin diese liebevoll Mischung aus dem Country-Ansatz der großartigen Fink und dem leichten Schlagerhauch von Blumfeld, die den Sound von bergen so unwiderstehlich macht.

Selbst der Bärenmann, dem die Band das zweite Album widmete, ist von uns gegangen. Mit „Die laufenden Toten“ gibt es einen Song über die Menschen bei einer Pegida-Demonstration. Und bergen verzichten hier auf pathetische Slogans oder Belehrungen, sondern setzen auf eine persönliche Perspektive, die versucht dieser schwer nachvollziehbaren Verbitterung und dem Hass der Menschen auf den Grund zu gehen. Am Ende des Mini-Albums ist es ein Seemannschor, der das maritime Märchen vom Frau vom Fischer und diese Platte beendet. Eine düstere Heimatplatte in düsteren Zeiten. Zugleich aber auch ein Hoffnungsschimmer, dass es noch Kerle wie diese gibt.

Wir haben uns mit dem Sänger Mario Cetti unterhalten und einige offene Fragen gestellt:
Wie kam es bei euch zur Entscheidung die neue Veröffentlichung auf 6 Songs zu reduzieren?
Wir sind recht langsam beim Schreiben neuer Songs, da braucht es immer ein bisschen bis genug Material für eine Veröffentlichung beisammen ist. Als wir die angesprochenen sechs Lieder am Ende vor uns hatten, war recht schnell klar, dass alle Songs irgendwie von einer gemeinsamen Klammer gehalten werden und es eigentlich gar keine weiteren für ein stimmiges, in sich ruhendes Album braucht. Wir sind dann einfach bei dem Format „Mini-Album“ geblieben.

Ich hatte beim Hören das Gefühl, dass das Mini-Album immer wieder um ein Gefühl der Entfremdung zum eigenen Status Quo oder den Mitmenschen kreist und der Versuch ist nachzuvollziehen wie es dazu kommen konnte. Wie würdest du das Konzept und den Ursprung der Platte selbst beschreiben?
Ein bisschen liegst du richtig, das Thema „aus dem Tritt kommen, irgendwie den Anschluss an Andere verlieren“ ist bei bergen seit jeher ja sehr präsent. Vornehmlich geht es in „Zeiten für Kerle“ aber um eine aus den Fugen geratene Welt, die in der letzten Zeit immer irrsinniger und verrückter wird. Keiner hört keinem mehr zu, es wird vornehmlich geschrien, sich abgeschottet. Ein derart beklemmendes Grundgefühl haben wir mit unseren 30 irgendwas Jahren noch nie zuvor gespürt. Das findet sich textlich und auch musikalisch in „Zeiten für Kerle“ wieder, wir sind merklich düsterer geworden.

Wie wichtig war es dir mit „Die laufenden Toten“ Stellung zu beziehen und wie kam es zu der Idee in dem Stück diese Erzählerperspektive zu wählen?
In Dresden ist diese Pegida-Geschichte leider nach wie vor unerträglich, da kommen immer noch Woche für Woche über 3.000 Menschen zusammen und johlen zu dumpfen Parolen. Dass der bürgerliche Gegenprotest hier weitestgehend ausbleibt, macht ratlos und wütend zugleich. Das Lied hatte sich entsprechend irgendwie angestaut bei uns. Da die bergen-Perspektive aber immer schon eine recht private ist, bewegt sich auch dieses Lied in einem Zweierkosmos, bei dem einer der beiden langsam aber konsequent alle menschlichen Gefühlsregungen abstellt und sich irgendwann in einem für ihn wohligen schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer wiederfindet.

Ihr kehrt auch zum Bärenmann zurück, dem ihr bereits ein ganzes Album gewidmet habt. Was hat es mit dem Bärenmann auf sich?
Das ist einfach ein schrulliger Kauz, ein älterer Herr ohne Familie und Anschluss an gesellschaftliche Normen, der sich täglich dunkle Schuhcreme und falsche Haare ins Gesicht klatscht und so durch Dresdner Straßen stromert. Wir haben ein Faible für krude Charaktere und wenn wir ihn in „Bärenmann 3“ nicht hätten sterben lassen, würden wir uns wohl noch in zehn Jahren Geschichten über ihn ausdenken. Der Song ist also auch eine Art kreative Notbremse.

Eine meiner liebsten Stellen auf „Zeiten für Kerle“ ist der Männerchor, der die sechs Stücke zum Ende abrundet. Wer steckt hinter dem Chor?
Wir sind mit dem Dresdner Autor und Musiker Max Rademann befreundet, der eigentlich aus dem Raum Aue/Schwarzenberg stammt und sich hier in der Region mit äußerst schrägen, mehrheitlich fiktiven Sagen aus dem Erzgebirge einen Namen gemacht hat. Max hat seit seiner Kindheit im Chor gesungen und hier aus Leidenschaft irgendwann den „Dresdner Gnadenchor“ gegründet, bei dem gestandene Typen meist leicht angeschwippst erzgebirgisches Liedgut singen. Als wir die Jungs hier mal bei einem Festival gehört haben, wussten wir, dass wir die unbedingt auf dem Song „Frau vom Fischer“ haben wollten, um eine blutige Beziehungskiste unter Fischersleuten abzurunden. Die dezente Bierfahne, die die zehn Jungs mit zu den Aufnahmen gebracht haben, haben wir übrigens heute noch nicht aus dem Studio…

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