Jeffrey Lewis und sein „Manhattan“


Jeffrey Lewis ist mit seinem proppevollen Songkoffer durch die Welt gereist und hat dabei auf Fußböden und in Luxushotels geschlafen. Am Ende hat ihn sein Weg aber immer wieder nach Manhattan geführt. Auf seinen neuen Album erzählt uns der Songwriter einige persönliche Geschichten aus seiner Heimat. Doch was ist New York nun ohne Lou Reed? Wie war es für den DIY-Puristen mit einem erfahrenen Produzenten zu arbeiten? Und hat er für „Digital ist besser“ nur ein müdes Lächeln übrig? Wir haben uns Manhattan angehört und mit dem Songwriter gesprochen.

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Demonstrativ steht Jeffrey Lewis auf dem Cover seines neuen Albums vor einem Copyshop und beide wirken wie liebgewonnene Relikte einer längst vergangenen Zeit. Der Hintergrund preist Briefmarken, Faxversand und VHS-Kopien an. Der Musiker im Vordergrund hält die DIY-Flagge hoch und ist seit Jahrzehnten für seine handgezeichneten Comics und Folksongs bekannt.

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Sein neues Album taucht mit Scowling Crackhead Ian mitten in den Trubel Manhattans ein. Im Hintergrund hört man den Verkehr der Stadt, während Lewis einen seiner stärksten Songs spielt. Der ausgefeilte Sound erinnert an den warmen Sound des City & Eastern Songs Albums. Dass er trotz der Grundpolitur des Produzenten John Agnello (Dinosaur Jr, War On Drugs) kantig und ruppig sein kann, beweist er kurze Zeit später mit eingängigen Punksongs wie Sad Screaming Old Man oder Have A Baby, die er auch heimlich auf seinem Crass-Tribute untermischen könnte. Es ist die altbekannte Mischung aus absurden Momenten, Weisheiten, rotzfrechen Ideen und persönlichen Erinnerungen, die Manhattan zu einer typischen Jeff Lewis Platte macht.

Egal ob er von lauten Nachbarn, Unwettern oder dem Heimweg nach einer Trennung singt, jeder Geschichte drückt Lewis seine persönliche Note auf. In den Songs auf Manhattan zieht der Rough Trade Vorzeige-Indie durch Straßen voller Geschichte, durch die einst Bob Dylan mit Suzy Rotolo im Arm spazierte und in den Allen Ginsberg seine letzten drei Tage als Geist auf Erden verbrachte, doch mal um mal erschafft er etwas Neues aus seinen eigenen Alltagsgeschichten. Das hier ist Antifolk ohne Kasperkostüme. Das hier ist Folk mit Attitüde und Punk mit Augenzwinkern. Vor allem ist das hier aber authentisch.


Interview:

Im Mittelpunkt deines neuen Albums steht Manhattan. Du näherst dich dem Konzept aber eher von einem persönlichen Standpunkt aus an. Wie hat sich das Konzept entwickelt?

Ich habe fast 40 Songs in 2014 geschrieben, was für mich ungewöhnlich viel für ein Jahr ist. Zu Beginn der Aufnahmen habe ich gemerkt, dass ich eine passende Auswahl davon heraussuchen konnte, die als Konzeptalbum zu dem Thema funktioniert. Das Konzept hängt auch mit dem Gedanken zusammen, dass die meisten Indiebands aus Brooklyn kommen. Ich komme aus einer anderen Gegend mit einer anderen Einstellung, Stimme und auch einer ganz andere Geschichte, die ich zu erzählen habe.

In den vergangenen 20 Jahren hat East Village und New York im Allgemeinen viele wichtige Künstler wie Allen Ginsberg, Tuli Kupferberg oder Lou Reed verloren. Auch neue Wellen wie Antifolk sind mit der Zeit verschwunden. Für einen Außenseiter scheint es so, als wenn du neben Peter Stampfel der „last man standing“ wärst. Ist Manhattan noch immer ein inspirierender Ort für dich?

Wenn du inspiriert bist, ist alles eine Inspiration. Auf der einen Seite glaube ich, dass Manhattan vielleicht niemanden braucht, der Kunst darüber macht. Vielleicht sollte ich an irgendeinen sonderbaren Ort ziehen und darüber Kunst machen. Aber irgendwie ist Manhattan fast zu einem vergessenen Ort geworden, weil wir schon länger Menschen wie Tuli oder Lou nicht mehr haben. Was ist ein Ort in der öffentlichen Wahrnehmung ohne den Künstler? Was wäre New York City ohne Walk On The Wild Side? Vermutlich hätte es für viele Menschen eine andere Bedeutung. Niemand hat an Compton gedacht, bis NWA bekannt wurden. Oder zum Beispiel die Gegend um Olympia, Washington: Niemand hat bis Beat Happening und K Records auch nur einen Gedanken an den Ort verschwendet. Kunst kann einem Ort eine bestimmte Bedeutung verleihen, wenn du der erste Mensch bist, der Stolz auf seinen Ort ist, anstatt immer zu versuchen Teil von etwas anderem zu werden. Heutzutage ist Manhattan nicht cool. Es ist zu teuer, um hier her zu ziehen. Und wenn du schon hier bist, dann merkst du, dass die meisten coolen Menschen bereits weg sind. Brooklyn ist als „the place to be“ bekannt und so war es für viele viele Jahre. Also ist es für mich weniger die Inspiration eines neuen Aufregenden Ortes. Es ist vielmehr die Inspiration eines ruhigen Ortes. Vielleicht einer leeren Stadt nach dem der Ende eines Kriegs und einer seltsamen leeren Zukunft.

Wie waren die Aufnahmen und die Zusammenarbeit mit dem Produzenten John Agnello für dich?

Ich habe gemeinsam mit meinem Freund Brian Speaker versucht die Songs so gut wie möglich in seinem kleinen Studio einzuspielen. Als ich das Album aus meiner Sicht fertig war, habe ich mich überzeugen lassen, dass meine eigenen Erfahrungen ein gutes Album aufzunehmen nicht mit den Erfahrungen eines Menschen wie John Agnello vergleichbar sind. Er ist jemand, der einen anderen Zugang zum Equipment und zum Abmischen hat. Ich weiß von all dem nicht besonders viel. Persönlich höre ich die Verbesserung in John Agnellos Version des Albums gegenüber meiner Heimaufnahmen nicht heraus, aber meine Ohren sind auch nicht wirklich an einen „professionellen Sound“ gewöhnt. Üblicherweise bin ich ein Fan von Dingen, die wüst klingen. Oder es kümmert mich nicht, ob etwas professionell klingt. Also kann ich nicht wirklich sagen, ob das Album nun wirklich dank des professionellen Sounds besser klingt. Ich hatte einfach dieses Album, dass ich persönlich verdammt gut fand und ich war der Meinung, dass es die Politur von jemandem mit Erfahrung verdient hat. John Agnello hat Alben von Sonic Youth, Bob Dylan, Dinosaur Jr. und vielen dieser erfolgreichen Indiebands der letzten Jahre wie War On Drugs oder Kurt Vile produziert, also ist er offenbar ein Meister seines Fachs. Es war ein Experiment mit John zu arbeiten und es ist immer gut so etwas auszuprobieren, um zu sehen was passiert. Dabei lernt man immer etwas.

Hast du wegen deiner persönlichen Texte irgendwann Stress mit Menschen wie dem „Old Screaming Man“ oder einer Ex-Freundin bekommen?

Oh ja! Das passiert oft. Für den alten Mann tut es mir auch leid, er ist eigentlich ein netter Typ. Ich sehe ihn noch immer jeden Tag und es ist nicht seine Schuld, dass er mich zu diesem Song inspiriert hat. Ich hoffe er hört ihn nie.

Was denkst du über die Revolution, die das Internet im Bezug auf Musik brachte. Insbesondere, wenn man das Herzblut bedenkt, dass du in dein Arwork immer steckt, das nun häufig letztendlich auf ein Thumbnail auf dem Mobiltelefon oder MP3 Player reduziert wird.

Ich finde es klasse! Je mehr die digitale Erfahrung sich von der „echten“ Erfahrung entfernt, desto mehr schafft jede für sich eine eigene großartige Kunst. Die Menschen wissen, dass ihnen etwas von der Gesamterfahrung verloren geht, wenn sie meine Musik ohne das Artwork konsumieren. Ich gebe mir so viel Mühe mit dem Artwork, weil ich die physische Komponente genieße und mir das Zeichnen und Designen Spaß macht. Schau dir die modernen Albumcover an. Das Artwork wird häufig so gestaltet, dass es auf dem Bildschirm eines Mobiltelefons wirkt. Es ist genau so wie damals Cream, die mit Wheels Of Fire den Platz einer Gatefold LP Hülle für das detaillierte und eindringliche Psychedelic-Artwork genutzt haben. Du musst einfach immer etwas designen, das zum entsprechenden Medium passt. Momentan hat man als Künstler die Qual der Wahl. Dein Album wird sowohl auf Tape, auf CD, auf LP und zudem in digitaler Form auf einem Mobiltelefon konsumiert. Also wird es unabhängig davon, wofür du dich entscheidest, auf 75% nicht optimal wirken. Aber vielleicht wird es für einen dieser Bereiche optimal. Oder vielleicht für zwei, wenn du Glück hast und das Artwork gut gestaltest.

Nutzt du selbst digitalen Kram wie MP3s, Ebook Reader oder Spotify?

Ich nutze weder Sachen wie Spotify noch Ebooks, aber ich nutze MP3s. Es gibt unheimlich viele Alben aus den 60ern und 70ern, die Out of Print sind, und die man nicht auf Vinyl oder auf CD finden kann. Dafür kann man sie aber günstig als Download auf Amazon oder noch besser auf der Seilte des Labels oder von den Künstlern selbst kaufen. Das ist ein unheimlich tolles Phänomen. Ich habe viele MP3 Alben auf diese Art gekauft. Zudem finde ich, dass Bandcamp heutzutage ein tolles System für neue Künstler ist. Ich habe viele digitale Alben über Bandcamp gekauft und auch selbst viele Alben darüber verkauft.

Gibt es eine Erinnerung aus deiner Karriere, an die du dich am liebsten Erinnerst?

Ich habe viele Lieblingserinnerungen! Hier kommt eine – 2004 wurde ich gefragt, ob ich Lust hätte ein 10 Minuten Set auf Ed Sanders (The Fugs) Geburtstagsparty zu spielen. Ich hatte kurz zuvor meinen illustrierten Song The History Of The Development Of Punk On The Lower East Side fertig gestellt. So waren viele der Menschen, die im Song vorkommen, bei der erste Performance des Stücks im Publikum! An diesem Abend bin ich zum ersten mal Peter Stampfel, Tuli Kupferberg und einigen anderen Menschen begegnet. Und all das weil ich diesen kurzen Slot auf dem Geburtstag bekam und kurz zuvor den perfekten Song für den Anlass geschrieben habe.

Jeffrey Lewis & Los Bolts – „Manhattan“ (Rough Trade / Beggars Group) ist seit dem 27.08.2015 im Handel erhältlich.

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