Enno Bunger – Flüssiges Glück


Frei nach dem alten Egoexpress-Motto „Man muss immer weiter durchbrechen“ tritt Enno Bunger aus dem Regen ins Neonlicht und flirtet auf seinem lebensbejahenden dritten Album Flüssiges Glück mit elektronischen Klängen.

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Dabei beschallt er den intimen Raum seiner Kompositionen nun desöfteren mit Beats und füllt ihn mit sphärischen Clubklängen. Ein Grenzgang, an dem das Album jedoch keinesfalls zerreisst. Die Beats und der Sprechgesang sind willkommene Kontraste, die keinesfalls aus dem Bunger-Rahmen fallen. So mündet seine Liebeserklärung an die Stadt Hamburg in einem 7 Minuten langen Ausflug in das Nachtleben und die Single Neonlicht versprüht die Atmosphäre langer Zaubernächte. Zwischendurch gestreut werden denkwürdige Zeilen wie „Wir gehen erst nach Hause, wenn wir wissen wo das ist“.

Das Album jedoch auf die reine Häufung an Beats zu reduzieren oder gar von einer Partyplatte zu sprechen, würde Flüssiges Glück nicht wirklich gerecht werden und das Facettenreichtum des Albums übergehen. Jenseits der neuen Klänge gibt sich der Songschreiber so pianoballadesk, poetisch und treffsicher, wie man ihn kennt. Das Herz der Platte sind weiterhin Enno Bungers Zeilen, die er mit seinem Klavier und der dichten Produktion zu einem stimmungsvollen Gesamtbild knüpft. Mit seinen Worten umfasst er sowohl das große Glück der Schwangerschaft (Zwei Streifen), das kleine Glück des Verliebtseins(Heimlich) und setzt zudem ein klares Statement gegen Fremdenfeindlichkeit (Wo bleiben die Beschwerden?).

Nach dem Trennungsalbum Wir sind vorbei gelingt Enno Bunger ein wunderbares Stück Musik, das zur Humanität und zum Leben zehn Stücke lang laut und bedingungslos Ja sagt.


Wir haben uns mit Enno Bunger über die Weiterentwicklung und sein neues Album unterhalten:

Wenn man deine musikalische Entwicklung seit Ein bisschen mehr Herz oder den ersten EPs betrachtet, scheint die Zeile „Halte nicht an, bleibe nicht stehen“ aus Renn! als Motto zu passen. Was waren die Einflüsse, die zu dem Schritt geführt haben, dich stärker mit elektronischen Klängen zu beschäftigen?

Stimmt! Was die Textzeile für sich betrifft, dient das hier als „motivational Song“, der mich privat aus dem melancholischen Moor herausholt, ohne ihn ganz aus den Augen zu verlieren. Nachdem ich jetzt zwei Klavier-Bandplatten gemacht hatte, wollte ich mal ein bisschen von der bisherigen Schublade raus in eine andere schlüpfen. Da spielt auch sicher der endgültige Umzug von Ostfriesland nach Hamburg eine Rolle. Und wenn es drei musikalische Haupteinflüsse gibt, dann wären das The Acid, SOHN und Apparat.

Könntest du dir vorstellen den Weg noch radikaler zu verfolgen und ein Elektroalbum zu machen?

Das war sogar ursprünglich die Idee, als ich das erste Lied „Scheitern“ schrieb – ich habe mit dem Gedanken geliebäugelt, einen ganz radikalen Schnitt zu setzen und mich völlig vom bisherigen Schaffen zu lösen, was ich ja bei 4-5 Stücken auch so gemacht habe. Aber letztlich konnte und wollte ich mich nicht von der ersten großen Liebe namens Klavier trennen.

Ist da auch etwas Angst durch die Veränderungen, die die klassischen Enno Bunger Songs auf dem Album etwas in den Hintergrund treten lassen, einige Fans zu enttäuschen?

Das könnte man nun glauben und ja, es ist ganz schön dumm eigentlich, das zu riskieren, aber: nein, in erster Linie mache ich Musik für mich selbst. Mein Ziel und Anspruch war, ist und wird immer sein, meine eigene Lieblingsmusik zu kreieren, was bei meinem genrebefreiten Musikgeschmack mit Lieblingsbands und Künstlern wie Springsteen, James Blake, Helge Schneider, Daughter, Bob Dylan und Scooter eine Herausforderung ist.

Wie kam es zur Entscheidung Flüssiges Glück zum Titel der Platte zu machen?

Der Albumtitel bekommt durch jedes Lied seinen eigenen Anstrich. Was genau flüssiges Glück sein soll, kann jeder für sich selbst bestimmen. Ganz generell habe ich vom Leben gelernt: Glück kann man nur begreifen, Glück kann man nicht erzwingen, Glück ist nie beständig, zeitlich begrenzt. Flüssiges Glück steht, zum Beispiel, für den Rausch, für das Feiern, für das Erkennen der schönen Momente, für den Gin des Lebens.

Gibt es auf Flüssiges Glück einen Song, der dir persönlich besonders am Herzen liegt?

Jeder Song ist wichtig. Aber Wo bleiben die Beschwerden? ist schon etwas besonders. Nie hat mich ein Lied mehr bewegt, nie war ich beim Schreiben eines Textes so traurig und wütend, nie habe ich so zeitaufwändig und intensiv an einem Text gearbeitet und für ihn recherchiert, was ja selbsterklärend ist. Wenn man über wahre Geschehnisse schreibt, einen politischen Song über Fälle von Rassismus und rechter Gewalt in Deutschland macht, dann bewegt man sich auf dünnem Eis und läuft einen Fettnäpfchenparcours. Der Zeigefinger und die Fragen nach den Beschwerden richten sich aber vor allem gegen sich selbst. Ich, Du, Wir sind alle mitverantwortlich. Wir dürfen nicht zulassen, dass in diesem Land rechte Parolen salonfähig werden und sich dadurch die ganz Rechten legitimiert sehen, ein Flüchtlingsheim anzuzünden – was nichts anderes ist als ein rassistischer Mordversuch. Wenn ich also etwas verändern will, muss ich bei mir selbst anfangen, und für den Anfang schonmal dieses Lied geschrieben, und in der Konsequenz nun auch gesagt, dass ich meine Einnahmen aus den Erlösen des Songs Pro Asyl und der Amadeu Antonio Stiftung spenden werde.

Im November steht eure ausführliche Tour an, wie plant ihr die Songs umzusetzen?

Die Platte ist ja sehr unterschiedlich instrumentiert. Unser leicht größenwahnsinniger Anspruch ist es aber, alles live umzusetzen. Entsprechend wird das eine große Equipmentschlacht, eine sehr aufwändige und die für mich größte bisherige Liveproduktion. Freue mich riesig, begleitet zu werden, von einer großartigen Band, unwahrscheinlich tolle, fitte, vielseitige Musiker, die gleichzeitig auch über die letzten Jahre zu besten Freunden wurden, und die an den Abenden vorab auch mit 2-3 Songs jeweils ihre eigenen Projekte vorstellen werden: Mein Produzent Tobias Siebert mit „and the golden choir“, Phil Makolies von „Woods Of Birnam“ mit „L’estat Vermon“ sowie Onno Dreier & Nils Dietrich mit „projektor“.

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