Der Bürgermeister der Nacht


Der Bürgermeister, aha der Bürgermeister! Die beiden Hanseaten Fynn Steiner und Joachim Franz Büchner treten mit Sprachanarchie und eingängigen Melodien in die Fußstapfen der Goldenen Zitronen oder Sterne, ohne dabei einfach nur faul auf den Schultern von Giganten zu reiten.

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© Robin Hinsch



Dass hier etwas Spannendes unter dem Namen Der Bürgermeister der Nacht entsteht, konnte man bereits in den vergangenen Jahren vernehmen. So ist das Duo, das aus dem Schoße des Krautzungen Künstlerkollektivs entsprungen ist, mit Samplerbeiträgen, Supportshows für die Sterne oder der Remix-EP Kennen Sie den Bürgermeister? immer mal wieder aufgefallen und hat mit der grundsympathischen Unangepasstheit und Frische auf sich aufmerksam gemacht. buergermeisterchampagner

Das Debütalbum des Duos ertränkt die bürgerlichte Vernunft in Exzess und einem Fluss an Sprachspielen. Fynn Steiners Assoziationsketten baumeln lose und münden in Zitaten, die für die Spraydose gemacht sind. Eine Parolenschmiede sind die beiden dennoch nicht. Der Zauber steckt hier in all dem Sinn und Unsinn, den sich der Hörer zu einem Gesamtbild spinnt. Für die musikalische Untermalung sorgt hauptsächlich Franz Büchner. Dieser tobt sich irgendwo im Bereich von Disko-Punk, Hamburger Schule und New Wave aus, ohne sich großartig über Genregrenzen Gedanken zu machen. So bringt der Signature-Track Welt auf Bierschaum die Euphorie eines Friday I´m In Love, während LA / New York kurze Zeit später herrlich melancholisch und Schwarze Dreiecksmaske herrlich bekloppt ausfällt.

Zusammen ergibt das Debüt des Bürgermeisters eine kleine Poprevolution in Champagnerlaune.

Wir haben uns mit dem Bürgermeister der Nacht über ihre Ursprünge und das Album gesprochen

Sonic-Reducer: Wie seid ihr auf die Idee gekommen die Persona des „Bürgermeisters“ für euer Projekt zu kreieren?

Fynn: In meiner Wahrnehmung ist das gar kein „Kreieren“ im eigentlichen Sinne gewesen. Das war vielmehr ein Zusammenwachsen. So wie man eben plötzlich aus unruhigen Träumen erwacht und ein Käfer ist. Nur, dass wir gar nicht erst schlafen gegangen sind und plötzlich ein Bürgermeister waren.

Joachim: Hey, genauso habe ich das auch empfunden, hatten wir noch gar nicht drüber gesprochen.

Sonic-Reducer: Und wie läuft das Teamwork bei euch ab?

Fynn: Uh, ah, eine Frage für Joachim!

Joachim: Ich erinnere Fynn an Sachen und er macht davon ein paar. Aktuelle Aufgabe: Den Text zu dem Lied wiederfinden, wo Fritzi (von Schnipo Schranke) Blockflöte spielt. Man kann sagen unsere Zusammenarbeit ist ein explosiver Cocktail aus widersprüchlichen und überaus schlechten Eigenschaften und addiert sich verhängnisvoll! Tatsächlich haben wir viel Fun und haben es sogar auf Tour zusammen im Doppelbett meistens gut ausgehalten. Zusammen für den Welterfolg!


Sonic-Reducer: Könnt ihr uns etwas zum Entstehungsprozess des Albums erzählen?

Fynn: Ich sag etwas zur Ausgangslage. Es war einer diser dunkelblauen Winterabende, es regnete sacht und die Würfel waren gefallen. Joachim und ich waren bereit für den Rock ’n‘ Roll.

Joachim: Das war ein konspiratives Treffen in der Mathilde Bar im Univiertel. Die Idee war eigentlich ein Album mit 12 Hits zu produzieren, Referenzen waren unter anderem das Debütalbum von Jens Friebe und A. Dorau; das war die Energie in uns, die das vorgegeben hat. Letztendlich musste es aber auch heftiger und glamouröser werden daher brauchten wir internationale Koordinaten wie The Fall, Birthday Party, Roxy Music, Neubauten. Am Ende klingt es natürlich ganz anders und es wurde mehr Rock. Fynn hat mich mit einem beispiellosen Output an Texten zu meiner größten kompositorischen Ausschüttung angetrieben. Oft kam Fynn mit einem Text und wir haben direkt losgearbeitet, Es kam alles bei mir zuhause im Hellkamp auf Garageband zusammen und es entstanden Demos, wobei immer ein gewisser intiutiver Dilettantismus eine Rolle gespielt hat. Mein Ideal: die Detailverliebtheit Brian Wilsons trifft die Anarchie von Holger Hillers Ein Bündel Fäulnis in der Grube. Dann hat Pascal Fuhlbrügge bei unserem Freund Christoph Braun in Evessen die Demos gehört, erzählte Jakob Groothoff von der Hanseplatte, dass er das geil fand und wir haben uns mal bei ihm gemeldet, den wir als idealen Produzenten ansahen um dem Ganzen einen modernen Sound und Impulse zu geben wo wir mit eigenen Mitteln nicht mehr weitergekommen wären. Es wurde zunächst im Frappant in Hamburg und später auf Pascals Landsitz, der Roten Meierei in Großenrade / Dithmarschen, wo sein Studio jetzt ist, weiterproduziert.

Sonic-Reducer: Als ich damals Welt auf Bierschaum entdeckt habe, war meine Reaktion zuerst „verdammt, das ist ja gut!“ und die zweite Reaktion war „verdammt, das ist ja Frank Spilker!“. Wie kam es dazu, dass Frank Spilker zum Ziehvater des Bürgermeisters wurde?

Fynn: Basis für diese Zusammenarbeit war ja, dass ich Frank im Poolbillard geschlagen habe. Da war er so überrascht, ich glaube, er konnte gar nicht anders, als uns gut zu finden.
Ob er deshalb unser Vater ist, weiß ich nicht, aber er ist ein toller Freund, ein großartiger Literat und sagenhaft hilfsbereit. Heutzutage spielen wir allerdings Karambolage.

Sonic-ReducerIhr habt ja das Promo-Pferd von hinten aufgezäumt und die Remixe vor dem Album veröffentlicht. War es schwierig Leute wie Carsten Meyer von der Idee zu überzeugen?

Fynn: Wollte der das nicht von sich aus, Joachim?

Joachim: Carsten wollte den Remix gerne machen weil er das Video zu Paybackzeit in der Opiumhöhle sehr mochte. Überhaupt haben wir uns durch die Arbeiten aller Künstler sehr geehrt gefühlt und es sind, wie wir finden, fasznierende Stücke dabei herausgekommen.

Sonic-Reducer Habt ihr denn Pläne für weitere Remix-Veröffentlichungen?

Fynn: Der Hamburger Künstler und Vorzeigeflaneur Conny Winter arbeitet an einem Musikvideo zu Naomi Samples Remix von Der Wilde, das Licht und was aus uns wurde. Ohne zuviel verraten zu wollen: Es wird ein sehr gutes Video werden!

Joachim: Remixe sind immer eine interessante Möglichkeit der Zusammenarbeit auch um zu erkunden, was andere Künstler mit ihrer Herangehensweise aus unserer Musik machen, also wird es da bestimmt in Zukunft weitere Projekte geben!

Sonic-Reducer: Der glücklichste Moment im Zusammenhang mit eurer Musikerlaufbahn bisher?

Fynn: Ganz klar die Tour mit den Sternen. Obwohl es mir zum Beginn der Reise gar nicht gut ging. Ich hatte meine Nervosität am Vorabend – in der Mutter- mit GinTonic zu betäuben versucht. Aber als es dann losging: Was für ein Gefühl! Systematische Erleuchtung.

Joachim: Ich brauche da erstmal etwas Abstand um das sagen zu können aber man erlebt auf Tour doch einige „interessante“ Sachen und das Adrenalin auf der Bühne gehört dazu. Natürlich war es was Besonderes für uns in Hamburg, Köln, München, Berlin jerweils vor 600-800 Leuten aufzutereten. Aber auch die Momente bei den Aufnahmen, wenn bestimmte Ideen funktionieren oder man zum ersten Mal ein fertiges Stück hört, gehören dazu.

Sonic-Reducer: Und zum Abschluss ein kurzes Brainstorming, was fällt euch spontan zu diesen drei Begriffen ein?

MS Dockville/Artville
Fynn: Unsere wunderschöne Sommerresidenz! Wir sind mit dem Kunstkollektiv Krautzungen jedes Jahr vertreten gewesen. Einmal haben wir einen White Cube (Die Galerie des Tages), errichtet. Daraus ist mittlerweile unter Fehmi Baumbachs liebevoller Pflege ein ganzes Kubendorf geworden. Hier sieht man exemplarisch: die Dinge können gedeihen! Das Leben kann gelingen.

Hamburger Musikszene
Fynn Die meisten sind doppelt so gut angezogen, wie ihre Musik klingt. Das kann man mir nun wirklich nicht vorwerfen!
Joachim Ich versuche mich auch immer zumindest der Musik angemessen zu kleiden mit Elementen aus elegantem Mod und flamboyantem Glam, das ist man dem Publikum schuldig! Zur Szene: Ja es gibt sie, wir sind da in sowas drin und das auch gerne. Solidarisch aber auch solitär. Insgesamt sage ich: „Ja, aber: ja!“

Exzess
Fynn: Aua, aua, aua!
Joachim: Die Ampel steht auf grün! Himmlisch.

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