MS Dockville 2015


Ach, MS Dockville, du kleine bunte Festivalperle. Wir mögen dich schon sehr und wissen nicht so recht, wo wir nach all den Eindrücken in unserem Rückblick auf das Wochenende beginnen sollen.

.


© Axel Füllgraf (www.keinehosensonntag.de)



Die MS Artville / MS Dockville Combo verwandelt die Elbinsel Wilhelmsburg zumindest für einige Tage im August in ein wahr gewordene Utopia. Die einzigartige Stärke des Festivals ist die Detailverliebtheit, mit der das Artville-Kunstevent auf die Gestaltung des Festivalgeländes Einfluss nimmt. Seien es größere Installationen, ungewöhnliche Locations, überraschende Kunstentdeckungen irgendwo im hintersten Gebüsch oder seltene Schätze beim Booking. Der kultige Slogan aus den 70ern „Fuck Art, Let’s Dance“, der von Stephen Malkmus geprägt und kürzlich von einem Audiolith-Act aufgegriffen wurde, kann in dem Fall in das Motto „Enjoy Art, Let’s Dance“ ummodeliert werden.

Als Belohnung für das fleissige Sammeln von Karma-Punkten (Lüttville, die übliche Vergünstigung für die Bewohner der Elbinsel, musikalisch schmerzvoller Verzicht auf Ten Walls, weil er sich als homophober Vollpfosten outete) gab es für etwa 20.000 Besucher des Festivals in diesem Jahr an allen drei Haupttagen perfektes Sonnenwetter. Für einen kleinen Stimmungsdämpfer sorgte vorab lediglich die Absage der Newcomerin Låpsley.

Etwas entscheidungsfreudig sollte man beim MS Dockville sein, da der Festivalbesuch sonst in purer Verzweiflung endet. Auf welche Bühne setzt man gerade? Und dazwischen? Durch die Freihandelszone schlendern? Am Kisi Büdchen mit dem Kopf wackeln? Eine Kunstführung mitmachen? Sich in die Fotokabine setzen? The choice is fucking yours.

msdock

Für ersten musikalischen Höhepunkt sorgten recht früh am Freitag zwei alte Hasen und Bekannte des Festivals. Unter dem unscheinbaren Namen Die Vögel trat mit Mense Reents (Egoexpress) und Jakobus Durstewitz (JaKönigJa, diverse Arbeiten für das Artville) ein Stück Musikgeschichte auf die Bühne und lieferte ein typisch abgedrehtes Set ab. Ebenfalls bemerkenswert am Freitag waren die beiden Songwriter Asgeir und Tom Odell. Und während Tom Odell das Herz wie nasse Wäsche auspresste und von getrockneten Tränen sang, feierten irgendwo im Hintergrund FM Belfast eine der unzähligen Parties ihres Lebens. Im Anschluss kam es zu der Überschneidung, die wirklich weh tat. Nostalgie mit Interpol oder wie bereits beim Haldern Festival Kinnlade runter bei AnneMayKantereit. Wer sich für´s Erstere entschied, sah die souverän unterkühlten New Yorker, die sich einen Querschnitt des ganzen Œuvres spielten. Wer sich für AnnenMayKantereit entschied, konnte einmal mehr nachvollziehen warum das Interesse an dem Kollektiv aus Köln in den vergangenen Monaten exponentiell gestiegen ist. Und wer sich nicht wirklich entscheiden konnte, kam beim Hin- und Herlaufen aus der Puste, war aber immerhin glücklich bei The New zu seufzen und bei Nicht Nichts zu staunen.

Der Samstag ist eigentlich aufgrund der Bundesliga blockiert. Die Kanadier von Ought, die kurz vor dem Release ihres neuen Albums Sun Coming Down stehen und zumindest einige der neuen Songs bei den aktuellen Festivalauftritten präsentieren, sind es aber mehr als wert mit dem Ritual zu brechen und für einen Tag auf Fussball zu pfeifen. Eigentlich genauso der Pianist Hauschka und sein Schlagzeuger Samuli Kosminen, deren ausgefeilter Sound auf der großen Bühne jedoch etwas verloren wirkte und nur selten den Glanz der intimen Hauschka Prepared Piano-Auftritte versprühte. Kontrastprogramm hierzu gab es mit dem darauf folgenden Party-Marathon. Ein spaßige Ladung Hip-Hop mit Hirn und dem Herz am rechten Fleck der Antilopen Gang, sonnige Harmonien von Django Django und zum Abschluss DJ-Höhepunkte von Caribou und vor allem Recondite.

Am Sonntag gab es nach dem herrlich bekloppten DJ-Kindergeburtstag mit Dan Deacon, Rock’n’Roll mit Benjamin Booker ein überraschendes Highlight. Das Österreichische Duo HVOB lieferte an diesem Wochenende einen der stärksten Auftritte ab und leitete perfekt in das DJ Set von Frans Zimmer (Alle Farben) über. Und dann war da als Höhepunkt am Sonntag natürlich Four Tet, der parallel zum Folker Jose Gonzalez spielte. Kieran Hebden begann sein Set zum Sonnenuntergang mit der Sunrise-Hälfte seines neuen Albums, leitete dann über in einen herrlichen Mix und stellte unter Beweis, warum er neben Chris Clark zu den aufregendsten Liveacts aus dem Elektrobereich gehört. Wer am Ende noch Kraft hatte, ließ das Wochenende noch bei Hayden James und den Sets in der Klüse ausklingen, doch Altherren wie wir sind von einem „Auf geht’s, ab geht’s, drei Tage wach“ dann doch verdammt weit entfernt. Vielen Dank und bis zum nächsten August!

MS Dockville 2015 from SZENE HAMBURG on Vimeo.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.