St. Vincent


Annie Clark hat sich inzwischen zum Herzschrittmacher des Artpop gemausert. Auf ihrem aktuellen Album spannt sie ein Drahtseil und wandelt gekonnt zwischen digitalen Klangskulpturen und schlichten Rocksongs. Gleichzeitig ist die New Yorkerin eine einzigartige Performerin, seit einigen Wochen Radiomoderatorin auf Apple Music und wie wir in unserem kurzen Gespräch an diesem Nachmittag im Frühsommer erfahren durften, ebenfalls ein äußerst sympathischer Mensch.

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In den letzten Jahren hat Annie Clark trotz der sperrig anmutenden Kompositionen einen großen Schub bekommen und neben Kollaborationen mit David Byrne oder The National nahezu allen Musikkritikern den Kopf verdreht. Kaum eine Bestenliste der Alben 2013 kam ohne St. Vincent aus. Eigentlich hat sich aber nicht viel verändert, wie sie uns bei unserem Telefonat verrät, während sie durch ihr Apartment spaziert. „Ich bin langsam in die Situation hinein gewachsen. Kürzlich merkte ich einen Unterschied, als lauter Betrunkene bei der Hochzeit einer Freundin Selfies mit mir machen wollten. Ich kann das Ganze aber noch gut kontrollieren und bin eigentlich glücklich“ und lachend „…plus meine Mutter muss sich keine Sorgen machen“ hinzufügt. Annie Clark ist einen weiten Weg gegangen, seit Sie das College in Berklee ohne Abschluss verließ und ihrem Traum nachging. Sie schloss sich zunächst der Band Polyphonic Spree an. „Das war schon sehr ernüchternd. Als ich nach Berklee und einigen kleinen Versuchen in New York über die Runden zu kommen die Stadt verließ und desillusioniert und pleite nach Dallas zurückkehrte, hatte ich nicht viele Optionen. Durch einen alten Schulfreund bin ich dann zu Polyphonic Spree gestoßen und bin mit der Band durch Europa und USA getourt. Es war damals eine verrückte Zeit für mich. Vermutlich noch mehr als jetzt, ich war damals zum ersten Mal mit dieser übergroßen Band auf diesen übergroßen Festivals und stand auf übergroßen Bühnen“.

St._Vincent_-_Marry_Me
Und dann kam nach all dem Herumreisen mit Polyphonic Spree und Sufjan Stevens ihr erstes eigenes Album Marry Me „Es war eigentlich schon beschlossene Sache, dass ich es irgendwann wagen würde und ich hatte einige der Songs bereits lange im Kopf. Schließlich habe ich versucht Songs zu schreiben, seit ich ein kleiner 4- oder 5-jähriger Zwerg war. Es fühlte sich nur in dem Moment richtig an und ich hatte die Möglichkeiten es aufzunehmen“. Ihre Stücke erinnern oft an Laurie Anderson, stecken voller Brüche und kleiner Gags oder Zeilen wie „Oh what an ordinary day / Take out the garbage, masturbate“. „Ich habe das Gefühl die Musik besser zu kontrollieren und mich weiter zu wagen. Es macht Spaß in dem Mikrokosmos eines Songs kleine Stolpersteine zu verbauen“. Würde sie sich selbst als Perfektionistin sehen? „Nein, das glaube ich nicht. Zumindest nicht auf diese nervtötende Art“.

Wenn man ihrem aktuellen Album ein Konzept nachschreiben könnte, dann wäre es vermutlich so etwas wie das Leben im digitalen Zeitalter. Immer wieder kreisen Songs wie Digital Witness oder ‘Every Tear Disappears musikalisch und inhaltlich um die Interaktion der Menschen in der Gegenwart. „Ja, es gibt da so etwas vages wie ein Konzept hinter einigen der Songs, aber es ist weniger Angst oder Kritik an dem ganzen Technikkram, es ist vielmehr ein Interesse an den Auswirkungen. Eigentlich hat mich das Ganze schon immer begeistert und ich bin fasziniert von der Frage welche Auswirkungen es auf unsere Selbstwahrnehmung hat, wenn wir uns heutzutage so massiv selbst darstellen“.


Musikalisch ist ihre Musik vielschichtiger geworden und der Einfluss von David Byrne ist deutlich hörbar. „Ja, er hat mich massiv beeinflusst und ich habe das aktuelle Album auch eigentlich direkt nach den Aufnahmen zu Love this Giant geschrieben. Ich verehre seine konsequente Art. Wir sind weiterhin gut befreundet und sehen uns häufig“. Könnte sie sich vorstellen eine schlichte Pop-Platte aufzunehmen? „Eigentlich sollte das Album zugänglicher sein..hmm…vielleicht ist da etwas schief gelaufen [lacht]“. Oh nein, Annie, alles ist perfekt.

10 Fakten über St. Vincent

– Ihr erstes Album Marry Me hat sie nach einem Running Gag in der Serie Arrested Development benant.

– Der Name St. Vincent geht auf eine Zeile in Nick Caves Song „There She Goes My Beautiful World“ zurück.

– Annie Clark ist ein großer Fan von Gitarren und Effektgeräten.

– Mark Salling, der Star aus der Serie Glee, ist ihr ehemaliger Schulfreund

– Seit 2014 ist sie mit dem Model Cara Delevingne liiert.

– Das Album St. Vincent ist in einem ehemaligen Beerdigungsinstitut in ihrer Heimat in Texas entstanden, das zu einem Studio umgebaut wurde.

– Sie ist mit Grunge Musik aufgewachsen und hat bei der Aufnahme von Nirvana in die Rock and Roll Hall Of Fame mit Dave Grohl, Krist Novoselic und Pat Smear (Hole) den Song Lithium gespielt.

– 2012 und 2014 ist Annie Clark in zwei Folgen der Serie Portlandia aufgetreten.

– Gelegentlich wirft sie sich bei ihren Auftritten gerne in die Menge oder klettert Lautsprecher und Gerüste hoch.

– Seit dem 30. Juni moderiert sie ihre eigene Radioshow “St. Vincent’s Mixtape Delivery Service” auf Beats1 (Apple Music), bei der sie in jeder Folge Songs für einen Zuhörer spielt und sich mit ihm unterhält.

 

 

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