Home is where you buy your records #1: DISCover Recordstore Bochum 1


DISCover

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Seit rund 30 Jahren versorgt Klaus-Peter Böhmelt in seinem DISCover Recordstore Musikliebhaber, die auf der Suche nach dem neuen Album ihrer Favoriten sind, gerne nach dem Arbeitsstress in Plattenkisten stöbern oder sich musikalisch neu verlieben möchten. Seit der Eröffnung 1985 haben Tonträgerformate einander abgelöst, das Internet hat den Musikkonsum revolutioniert und Plattenläden sind aus dem Stadtbild verschwunden und Franchises, Modeboutiquen und Cafés gewichen. Anno 2015 ist der kleine Laden DISCover nahe des Baltz-Parkplatzes als ernstzunehmender Fachhändler der „Last Store Standing“ in Bochum. Wir haben mit Klaus-Peter über die Geschichte seines Ladens und seine Motivation gesprochen.

Erst CD-Brenner, dann ITunes, Amazon und nun Dinge wie Apple Music und Spotify. Ich bin kürzlich zum Entschluss gekommen, dass Plattenladenbesitzer heutzutage recht Irre oder verdammt verliebt in das physikalische Medium sein müßen. Wie hast du es mit DISCover geschafft die letzten 30 Jahre zu überleben?

Ohne einen Hang zur Selbstausbeutung hält man es nicht durch, es sei denn, man ist finanziell saniert und betreibt es als Hobby. Und ohne all die Mitarbeiter die uns in der ganzen Zeit begleitet haben wäre es ohnehin unmöglich gewesen. Vielleicht hatten und haben wir hoffentlich noch immer ein gewisses Talent uns den Herausforderungen realistisch zu stellen. Das bedeutete auch zur rechten Zeit in ein kleineres weil günstigeres Ladenlokal umzuziehen, was einige Kunden sicherlich nicht verstanden haben, die die Klasse nur in einem massiven Angebot verstanden und an das Märchen vom ewigen Wachstum glaubten. Uns ging es jeher um ein individuelles Nischenangebot und guten Service. Klar hätte man gern ständig alles verfügbar, aber das schafft auch der größte Anbieter wirtschaftlich nicht, außer seine Marktmacht ist so groß, dass er mit seinen Lieferanten nach Belieben spielen kann, you know?

Wie bist du 1985 dazu gekommen einen eigenen Platenladen zu eröffnen?

Die Erfahrung als Plattenverkäufer und DJ in den Jahren zuvor, mein Faible für Musik seit frühester Kindheit und sicherlich die Tatsache, dass eine Selbständigkeit zu starten wesentlich einfacher und unbürokratischer war als heute, gepaart mit der Unlust das Studium fortzusetzen, haben dazu geführt.

Hast du die Entscheidung je bereut?

Manchmal schon.

Inwiefern hat sich der DISCover-Kundenkreis und dein Arbeitsalltag seitdem verändert?

Damals gab es kein Internet, allenfalls Versandhandel, also musste man Musik im Laden kaufen. Fast alle haben dann in der CD die Rettung der Welt gesehen und Geiz wurde geil.
Die einen haben die musikalischen Veränderungen mitgelebt, andere sind einfach stehen geblieben und vertraten die Meinung, daß der Sound ihrer Jugend das einzig Wahre sei und alles andere verwerflich. Oder es wurden Familien gegründet und andere Prioritäten gesetzt. Da wir den musikalischen Wandel stets mit durchleben, meistens jedenfalls, finden auch immer wieder neue Kunden zu uns.

Und das Internet?

Die Arbeit mit PC und Net liefert uns zwar maximale Transparenz, erfordert jedoch enorm viel Zeit die früher dem Medium und der Geschäftsgestaltung zu Gute kamen.

Johnny Marr hat mal den Satz “Landlords stole my records off the street” geposted. Wenn man an das Einknicken der Plattenläden vor der Saturn-Eröffnung in Bochum denkt, passt es vermutlich für Bochum tatsächlich. Ist der Konkurrenzdruck von einem Riesen wie Saturn, der ja auch verstärkt Vinylplatten anbietet, letztendlich groß oder ist der Kundenkreis einfach anders?

Es ist ja nicht Saturn allein. Je mehr vom Kuchen mitessen, desto weniger bleibt für den Einzelnen übrig, was sich für alle auch wirtschaftlich negativ darstellt und für die Sortimentsbreite ebenso. Aber solche Läden agieren ja aus rein kommerziellen Gesichtspunkten, da kann das Personal noch so engagiert sein, es geht um maximalen Umsatz pro qm. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass wir diese Gesichtspunkte völlig außer Acht lassen können. Jedoch regieren hier noch immer Leidenschaft, persönliche Nähe zum Kunden (Das Ohr am Herzen des Hörers) und eine satte Portion “ High Fidelity“.

Eine Besonderheit an DISCover sind so Events wie das Vinylcafé im Kino Langendreer, die gemütlichen Record Store Days oder die jähriche DJ-Session beim Musiksommer. Was hast du diesbezüglich für dieses Jahr noch so geplant?

Der Musiksommer entfällt für uns erstmalig seit 2009 aller Voraussicht nach. Mike Litt als Kurator der E-Lounge, der uns stets mit im Boot haben wollte ist nicht mehr dabei. Zudem wurde wohl das Konzept der Bühne geändert. Da wir aber in diesem Jahr unseren 30. Geburtstag feiern wird noch das ein oder andere geschehen. So you better watch out!
john

Der wohl größte Coup ist dir mit dem Auftritt von John Peel zum 10jährigen Jubiläum gelungen. Wie kam der Besuch überhaupt zustande?

Zu den o.g. Gründen einen Schallplattenladen zu eröffnen gehörte auch der musikalische Einfluss von John Peel’s Music, die hörte ich jede Woche seit 1980. Er war also quasi daran Mitschuld, dass DISCover überhaupt eröffnet wurde. Als wir bei der Party-Planung 1995 über einen guten DJ sprachen, dachte ich: John Peel! Im ersten Moment meinte ich das nicht ernst, dachte aber bald: why not? Fragen kosten nichts und Gründe gab es genug. Zudem kannte ich zwei Leute, die ihn persönlich kannten und ohne die hätte das nicht funktioniert.

Und wie war die Begegnung dann?

Wir haben einen überaus bescheidenen, freundlichen, humorvollen Mann und seine nicht minder charmante Frau kennen gelernt, waren gemeinsam Essen und hatten bereits vor dem denkwürdigen Abend gemeinsam viel Spaß. Und alles was danach kam war einfach „overwhelming“ , wie er es bezeichnete. Er hat uns dann ein Jahr später auf einer Reise durch Deutschland mit einem BBC TV Team nochmal besucht und zwischendurch immer mal wieder einen Brief geschrieben.

Wo zielt das Musikgeschäft aus deiner Sicht hin und wo siehst du DISCover in 10 Jahren?

Ich denke Vinyl wird ein fester Bestandteil des Marktes bleiben, aber eben in einer Nische genauso wie jetzt, auch wenn die Stabilisierung dieses Marktes medial übertrieben positiv dargestellt wird.
Die CD wird es schwer haben, aber wir halten ihr die Treue. Der Rest wird Streaming und Ähnliches sein und ich hoffe sehr dass da Wege gefunden werden wo nicht nur die Konzerne und die Megastars verdienen und der Verbraucher kapiert, dass Musik nicht gratis sein kann.
DISCover wird es hoffentlich noch immer geben solange wir geradeaus laufen können und vielleicht gelingt uns noch mehr Liebe zum Detail auszuleben, das Second Hand Programm auszuweiten – wir kaufen auch Sammlungen und Einzelplatten an – und weiter zu strukturieren.

Hast du zum Abschluss vielleicht noch irgendwelche Musiktipps für uns?

Damian Lazarus – Message From the Other Side
Polska Radio One – Early Broadcasts
Gaz Coombes – Matador

Letztere ist schon einige Monate alt und leider völlig unterschätzt!

Discover Recordstore
Untere Marktstr 1 (Eingang Bleichstraße)
44787 Bochum


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Ein Gedanke zu “Home is where you buy your records #1: DISCover Recordstore Bochum

  • Nils H.

    Discover hat mich mein gesamtes Studium über mit CDs versorgt. Klasse, dass das Geschäft weiterhin besteht. Ich verspreche einen Besuch, sobald ich wieder im Ruhrgebiet bin.