Victoria


In Sebastian Schippers neuestem Streich folgt Kameramann Sturla Brandth Grøvlen 144 Minuten lang der Spanierin Victoria und vier jungen Männern, die die nächtlichen Straßen Berlins erobern und in einen Strudel aus Problemen geraten. Immer wieder umkreist die Kamera liebevoll die Gesichter und denkt gar nicht daran loszulassen. Dass dieser cineastische Rausch in einem Rutsch ohne Schnitte gefilmt wurde, wird erst im Nachhinein richtig bewusst.

Zu sehr reisst die Handlung mit, die einen eleganten Spannungsbogen von der anfänglichen Party-Euphorie in Eskalation, Spannung und Verzweiflung spannt und dem Zuschauer mit einem dumpfen Magenschlag ausknockt. Die Kamera bleibt dabei stets auf der Höhe und Victoria und die halbstarken Männer bekommen von ihrer Anwesenheit nichts mit. Das 12 Seiten starke Drehbuch beinhaltete lediglich rudimentäre Anweisungen für den Verlauf der Geschichte, entlang dessen sich die Schauspieler wie an einer Schnur improvisieren. Mehr als einmal fühlt man sich bei Victoria an Godards Außenseiterbande erinnnert. Ob´s nun kleine Bildzitate wie Victorias Tanzeinlage im Club oder die Schweigeszene im Fahrstuhl. Auch Außer Atem ist dabei als eskalierter Rausch zum Mitfühlen natürlich eine passende Referenz.


Und über allem schwebt Regisseur Sebastian Schipper, dem 1999 mit Absolute Giganten bereits ein ähnlicher Wurf glückte. „Absolute Giganten“ atmete auf eine ähnlich authentische Art den Geist der Freundschaft und der Straße und war der perfekte Kickstart für die Karriere zahlreicher Schauspieler wie Florian Lukas, Frank Giering oder Julia Hummer. In Anbetracht der Leistung von Frederick Lau und Laia Costa dürfte sich hier die Geschichte wiederholen. Gleichzeitig war „Absolute Giganten“ eine von unzähligen interessanten Filmproduktionen, die durch Tom Tykwers Erfolg mit „Lola Rennt“ plötzlich in den Fokus gerückt sind. Von all dem ist heute wenig geblieben. Die letzten Produktionen von Regisseuren wie Christian Petzold oder Hans Christian Schmid wurden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Dem Team um Sebastian Schipper ist ein Wunderstück gelungen, das in den Bereichen Besetzung, Soundtrack, Kamera mit Mut zum Scheitern das glatt gebügelte Kino überstrahlt.

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