Desparecidos – Payola


Viel ist passiert, wenig hat sich verändert. Nach 13 Jahren kehrt die Band um Conor Oberst (Bright Eyes) mit Wut im Bauch und einer neuen Platte im Gepäck zurück.

Vor zwölf Jahren war George W. Bush gerade im Amt. Das konservative Amerika wusste Ängste nach 9/11 gekonnt zu instrumentalisieren, um Eroberungsfeldzüge durch den Nahen Osten zu führen. Der Wille, sich zur politischen Situation und zur Politikverdrossenheit vieler Amerikaner zu äußern, war Ansporn für das erste Desaparecidos Album aus dem Jahre 2002. Außerdem die jugendliche Unbedarftheit und eine ordentliche Portion Trotz. Im Jahr 2015 ist die Amtszeit von Bush ir. lange Geschichte. Zwar deutet sich schon der nächste Macher aus der Republikaner-Familie an, momentan genießt Amerika aber die demokratische Führung eines Barack Obama. Natürlich gibt es dennoch weiterhin einiges anzuprangern. Nicht nur aus diesem Grund tat sich das Quintett wieder zusammen und spielte neue Songs ein. Für die Platte konnte man außerdem auf die Stücke der EPs MariKKKopa / Backsell (2012), Anonymous / The Left is Right (2013) und Te Amo Camila Vallejo / The Underground Man (2013) zurückgreifen. Somit sind nicht alle Lieder des Albums brandneu. Dennoch wirken sie wie aus einem Guss. Als Titel für die Veröffentlichung wählte man Payola. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern „Pay“ und „Victrola“ und bezeichnet das durch Plattenfirmen erkaufte Airplay von bestimmten Singles – ein kritischer Seitenhieb an die Musikindustrie.

Payola beginnt mit den krachigen Gitarrenakkorden von The Left is right. Die Keyboard-Spur gibt dem Ganzen die nötige Eingängigkeit, der teils hysterische Gesang vermittelt die Dringlichkeit der Aussagen. Ein Rezept, das für die gesamte Platte gilt. Post-Rock wird hier groß geschrieben, Punkansätze betont – und damit schließt diese Veröffentlichung nahtlos an Read Music / Speak Spanish an. Als wären die letzten dreizehn Jahre gar nicht vergangen. Auch die Bandbesetzung ist unverändert. Conor Oberst, der sich nach den Erfolgen mit seiner Band Bright Eyes auch als Solokünstler im Folk-Bereich einen Namen gemacht hat, steht erneut als Sänger und Gitarrist in der ersten Reihe. An den Reglern vertraut die Band auf Mike Mogis, der schon bei Bright Eyes die Produktion übernahm und zeitweise auch als Bandmitglied an den Songs mitwirkte. Für einige Lieder holte man sich zudem prominente Gesangsunterstützung ins Studio. So steuert auf City On The Hill Tim Kasher einige Vocals bei – Ex-Labelmate von Conor Oberst bei Saddle Creek und Mastermind der Indie-Rockband Cursive (The Ugly Organ, 2003). Außerdem ist auf Golden Parachutes Laura Jane Grace zu hören, ihreszeichens Sängerin bei Against Me!. In den Texten der 14 Tracks werden verschiedene politische Missstände angeprangert. Seien es die katastrophalen Zustände an der amerikanischen Grenze zu Mexiko oder die Spionagemöglichkeiten, die das Internet liefert. Für das kritische Hacker-Kollektiv Anonymous hat das Quintett aus Nebraska dann auch noch einen eigenen Song in petto: „You can’t stop us, we are anonymous“ wird im gleichnamigen Stück energisch postuliert.

Und weiter: „Freedom is not free – and neither is secrecy“. Damit macht die Band ausdrücklich klar, wie sie zum Thema Überwachung steht. „We’ll see your All-Seeing-Eye in hell“. Und auch der Ignoranz der sozialen Medien halten Desaparecidos den Spiegel vor: „Just LIKE this and the Problem is solved“ heißt es in Slacktivist, „You don’t have to march, you just click your thumb“. Sie kritisieren verlogene Charity als Lifestyle – „Donate a Dollar with my Coffee and save someone“ – und stellen den an bedürftige afrikanische Länder gespendeten Nike Shirts die Hybris der in den Himmel wachsenden Casions in Dubai gegenüber. Die Welt ist im Ungleichgewicht – Desaparecidos weisen mit Payola ausdrucksstark darauf hin.

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