T.C. Boyle – San Miguel



Im Laufe der vergangenen 30 Jahre hat sich T.C. Boyle immer wieder neu erfunden. Mit fast jedem Jahr folgt ein neuer Roman und mit jedem Roman eine neue Überraschung. Das Leben des Cornflake-Erfinders, Hippies, Identitätsdiebstahl, Umweltaktivisten……er hatte sie schon alle im Fokus.

Und dennoch erkennt man hierbei immer wieder einen Faden, der so rot ist wie seine Schuhe und seine wachsende Anhängergemeinde durch sein gesamtes Œuvre führt. Auch in San Miguel werden Boyle-Liebhaber mehrere Fäden wieder aufgreifen können. Ähnlich wie seine Auseinandersetzung mit John Harvey Kellog (Welcome To Wellville) oder Frank Lloyd Wright (The Women) stehen hier Menschen im Fokus, die sich in dieser Welt einen eigenen Mikrokosmos schaffen, der einer Utopie ähnelt. Auch diesmal beschäftigt er sich mit wahren Begebenheiten und erweckt die Menschen auf seine Art wieder zum Leben. Doch im Gegensatz zur umfangreichen Sekundärliteratur zu Frank Lloyd Wright, dienten ihm bei der Arbeit an ‘San Miguel’ lediglich eine Insel, einige Briefe und Zeitungsartikel als Vorlage.

San Miguel ist Boyles erster historischer Roman, wenn man von ‘Wassermusik’ absieht, das historische Romane auf den Korn nahm. Der Roman verbindet die Geschichte zweier Familien, die Ende der 18. Jahrhunderts und zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren auf der unbewohnten Insel San Miguel ein neues Zuhause suchen. Die idyllische Insel an der Küste Kaliforniens entpuppt sich jedoch als lebensfeindlicher Raum und die Isolation der Bewohner sorgt zusätzlich für die typischen Boyle-Tragödien. Im Mittelpunkt des Romans stehen die Frauen Mirantha und Elisa und ihre persönliche Geschichte.

Es sind die große Tragödien und kleine Glücksmomente dieser beiden Frauen, die T.C. Boyle hier meisterlich zu einem homogenen Ganzen knüpft und den Leser wie auf Wellen von einer Seite zur nächsten schwemmt. Angetrieben wird man hierbei von den authentischen Charakteren und Boyle Sprachrythmus, der insbesondere das laute Lesen des Romans zum absoluten Genuss macht. Hier klingt tatsächlich John Coltrane durch, den Boyle gerne beim Schreiben hört und als Taktgeber verwendet. San Miguel ist ein weiteres Meisterstück, bei dem T.C. Boyles Erzählkunst beim ersten Teil noch an die Tragödien eines William Faulkner erinnert, den man irgendwo im Pazifik ausgesetzt hat, und im zweiten – und noch stärkeren – Teil irgendwo zwischen Robert Louis Stevenson und Ernest Hemingay pendelt. Tief verwurzelt in der amerikanischen Literaturgeschichte und dem großen Kanon absolut würdig.