Peter Bichsel 6


Peter Bichsel ist ein Poet. Peter Bichsel ist 72 Jahre alt. Peter Bichsel lebt bei Solothurn. Peter Bichsel war Gastdozent in den USA. Peter Bichsel veröffentlicht im Suhrkamp Verlag. Peter Bichsel hat viele Bücher geschrieben. Peter Bichsel bekam 2004 die Ehrendoktorwürde der Universität Basel verliehen. Peter Bichsel ist eine Gruppe im StudiVZ gewidmet, sie besteht aus 5 Mitgliedern. Peter Bichsel schreibt auch Kolumnen. Peter Bichsel schrieb das Buch „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“. Peter Bichsel ist ein Poet.


SR: Können Sie sich noch an das erste Buch Ihrer Kindheit erinnern? Welches Buch ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Peter Bichsel: Mein erstes Buch – ich war vielleicht zehn – bekam ich von einer Tante, die sich für gebildet hielt, weil sie eine Frauenzeitschrift abonniert hatte. „Christeli“ von Elisabeth Müller, eine erbarmenswürdige Geschichte, schön brav und eben für die Jugend. Ich fühlte mich verpflichtet es zu lesen und krampfte mich ein Jahr lang durch das Buch. Kurz vor der nächsten Weihnacht war ich damit fertig. Und ein weiteres Jahr später war ich bereits ein leidenschaftlicher Leser. Ich entdeckte die Stadtbibliothek und versuchte als kleiner Snob den Bibliothekar zu beeindrucken, Goethe, Stifter, Marie Ebner-Eschenbach. Ich las ohne viel zu verstehen und genoss das Nichtverstehen. Ein Genuss, den ich heute nur noch mit Jean Paul ein bisschen haben darf.

SR: Wie sind Sie damals zum Schreiben gekommen, Ihr Hauptberuf war doch in erster Linie Lehrer?

Peter Bichsel: Ich habe immer geschrieben. Schon als ich die ersten Buchstaben kannte. Und ich kann auch nicht sagen, wann es damit „ernst“ geworden ist. Denn nie mehr war es mir damit so ernst wie beim Beginn.

SR: Was hat Sie zu Ihren „Kindergeschichten“ inspiriert?.

Peter Bichsel: Mein Kind-sein.

SR: Inwiefern hat Ihre Schultätigkeit Ihr Schreiben beeinflusst?

Peter Bichsel: Mein Schreiben hat mein Schule halten wohl mehr beeinflusst, als die Schule mein Schreiben. Und wäre ich Maurer geworden, ich hätte wohl auch geschrieben.

SR: Ihr Schreibstil war oft von dem Versuch bestimmt, gewisse literarische Konventionen aufzubrechen, mit der Sprache als solche zu spielen, Sprache zu dekonstruieren („Ein Tisch ist ein Tisch“, „Die Jahreszeiten“). Suchten Sie in früheren Jahren gewollt nach neuen literarischen Formen oder Wegen? Oder kam der Inhalt bei Ihnen stets vor der Form?

Peter Bichsel: Die Form bestimmt den Inhalt. Ja genau – Formen finden – die Literatur als Inhalte hatte ich schon längst entdeckt, die moderne Malerei auch – und dann entdeckte ich die Dadaisten und später die Konkreten Lyriker – ich entdeckte Literatur als Form. Meine Grammatik hieß schon bald Heissenbüttel. Ich wurde zu einem literarischen „Free-Jazzer“. Mit meinen Erfahrungen aus jener Zeit spiele ich heute so etwas wie Melodien.

SR: Am Ende geht es bei Ihnen aber eigentlich immer um das Suchen nach Geschichten, nach dem Erzählbaren? Woher kommt diese Lust an Geschichten, am Erzählen?

Peter Bichsel: Auch hier interessiert mich das Phänomen des Erzählens an und für sich mehr als die Inhalte des Erzählens – miteinander reden, sich einbringen ins Gespräch.

SR: Sie sind Mitglied in mehreren Schriftstellervereinen, haben u.a. 1965 bei einem Gemeinschaftsroman (Das Gästehaus, u.a. mit Hubert Fichte) mitgeschrieben. Wie ist es damals dazugekommen?

Peter Bichsel: 1963/64 nahm ich an einem halbjährigen Kurs am literarischen Colloquium in Berlin teil. Der Gemeinschaftsroman war eine Idee von Walter Höllerer – es hat viel Spass gemacht, und Berlin war wunderschön.

SR: Jetzt ist das Schreiben wohl eine der einsamsten Tätigkeiten. Welche Erfahrungen konnten sie in der Gruppe sammeln, und half ihnen diese Art des (gemeinsamen?) Schreibens dann später bei Ihren eigenen Projekten?
Peter Bichsel: Ich lernte in dieser Gruppe vor allem, dass man – und wie man – über Literatur reden kann: Schreiben als Handwerk in einer Werkstätte – das ist, wenn auch mehr und mehr schwindend, geblieben.

SR: Was inspiriert Sie zum Schreiben? Wie kommen Sie auf Ihre Themen/ Geschichten?

Peter Bichsel: Ich bin, wie alle anderen Menschen auch, fantasielos. Was mich aber von vielen anderen unterscheiden mag, das ist, dass ich darunter leide.

SR: Was würden Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben, die sich in der Schriftstellerei versuchen wollen?

Peter Bichsel: Lesen, lesen, lesen, lesen – und dann schreiben, schreiben, schreiben. Ich selbst kann das heute zwar auch nicht mehr. Aber in meinen Anfängen habe ich immer wieder Geschichten, die mir gefallen haben, abgeschrieben – zum Teil ganze Bücher. Mit dem Abschreiben kann man in das Schreiben des anderen eindringen – das ist eine gute Übung.

SR: Sie haben immer an Ihrer Heimat, der Schweiz, festgehalten. Ein Peter Bichsel in der Großstadt; wäre das mit Ihrer Literatur zu vereinbaren gewesen? Und wiesehr beeinflusst Ihre Heimat Ihre Literatur?

Peter Bichsel: Meine Heimat nicht, aber meine Umgebung schon – und vor allem die Sprache – die Geräusche – meiner Umgebung.

SR: Was lesen Sie zurzeit? Gibt es Autoren, die Sie sehr schätzen und empfehlen können?

Beter Bichsel: Im Augenblick die Bekenntnisse des Augustinus – ein Nordafrikaner, drittes Jahrhundert. Zu empfehlen ist es nur Leuten, die es lesen mögen. Und richtige Leser kommen schon selbst zu ihrer Lektüre.

SR: Pflegen Sie Kontakt zu anderen Schriftstellern? Wenn ja, tauschen Sie sich mit Ihnen über Geschichten und Veröffentlichungen aus?

Peter Bichsel: Das erste sicher ja und das zweite eher nicht. Aber wir lesen uns gegenseitig schon und freuen uns.

SR: Arbeiten Sie momentan an neuen Veröffentlichungen? Was haben Sie für das Jahr 2008 geplant?

Peter Bichsel: Ganz wenig.

SR: Ihre 5 Lieblingsromane aller Zeiten?

Peter Bichsel: Mein Lieblingsroman ist immer jener, den ich lese – wäre er es nicht, ich würde es sein lassen. Im Übrigen lese ich fast nur noch Bücher, die ich schon ein bis mehrere Male gelesen habe: die „Wanderjahre“ von Goethe, den „Titan“ von Jean Paul, den „Freibeuter“ von Joseph Conrad, und Jörg Steiner, und Ralph Rotmann, und Ruth Schweikert und Peter Weber und und und – und leider nicht für alle Zeiten.

SR: Letzte Worte?

Peter Bichsel: Gute Nacht!

Vielen Dank an Peter Bichsel und den Suhrkamp Verlag!


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6 Gedanken zu “Peter Bichsel

  • Fluke

    Ich kenne Peter Bichsels Kindergeschichten aus meiner eigenen Kindheit. Werde mir demnächst wieder mehr Bücher von ihm zulegen müßen.

  • Doris

    Durch einen Staffettenlauf in Solothurn habe ich durch Zufall Peter Bichsel auf einem Spaziergang angetroffen. Mein Mann und ich sind begeisterte Zuhörer seiner Vorlesungen am Radio. Da nun ein direkter und persönlichen Kontakt entstanden ist, werde ich mich intensiver mit „Peter Bichsel“ und seinen Bücher auseinandersetzen und vielleicht sogar an einer seiner Vorlesungen teilnehmen.

  • Sebastian

    @Doris: Peter Bichsel gibt Vorlesungen? Das wußte ich gar nicht. Muss mich einmal nach umschauen. Klingt auf jeden fall interessant.

  • Anna

    Peter Bichsel schreibt seit Langem aber ich habe seinen Namen erst voriges Jahr kennengelernt.ich moechte gern seine ,,Kindergeschichten „haben,aber es ist unmoeglich…ich lebe doch in Georgien.