Simon & Garfunkel – Bookends


1967 veränderte der Film ‚The Graduate‘ Amerika. So spielte die 3 Millionen Dollar teure Produktion bis heute weit mehr als 100 Millionen Dollar ein, gab der Plastikindustrie in den 60ern einen Boost und setzte das Folkduo Simon & Garfunkel, deren Album ‚Wednesday Morning, 3 A.M. ‚ noch ein Flop war, plötzlich ins Rampenlicht. Das erste Lebenszeichen nach dem enormen Erfolg war “Bookends”, das sich wohl am besten als Konzept-EP mit einigen erstaunlichen Bonustracks auf der B-Seite beschreiben läßt. Die Stücke auf Seite A sind das eigentliche Bookends und handeln von zwischenmenschlichen Beziehungen. Eingerahmt werden die fünf Stücke von dem Bookends Theme, das wie eine Buchstütze im Regal den Anfang und das Ende markiert. Das Album erschien offiziell am 03.April 1968, lediglich 24 Stunden vor dem Attentat auf Martin Luther King Jr. und in einer Zeit, als die Hoffnung auf ein Ende des Vietnam-Kriegs in Robert Kennedy gelegt wurde, der ebenfalls im gleichen Jahr erschossen wurde.

Mir begegnete das Album zum ersten mal 31 Jahre nach dem Release, als ich mich in ein Mädchen verliebte, das einen recht miesen Musikgeschmack hatte. So habe ich des öfteren im CD-Regal ihrer Eltern gesucht und bin bei ‚Bookends‘ gelandet. Das Album lief damals hin und wieder und ich habe es mir ausgeliehen. Die Umschwungsstimmung mit all ihren traurigen und fröhlichen Momenten, die in diesem Album zum Thema gemacht wird, hat mich gefesselt. Vielleicht auch weil meine eigene Großmutter damals sehr krank war und ich zugleich die letzten Tage meiner Schulzeit verbrachte. Katharina (so hieß sie amüsanterweise tatsächlich) habe ich einige Wochen später vor einer Tankstelle zum letzten Mal umarmt. ‚Bookends‘ und eine Schulmappe musste ich ihr irgendwann in den Briefkasten werfen (Gott sei Dank war es keine Vinyl-Platte), einige Tage später jedoch habe ich das Album gekauft und seitdem nicht gehen lassen.

‚Bookends‘ ist Liebe auf den ersten Ton. In dem Fall das sanfte Bookends Theme. Ein sehnsüchtig kurzes Gitarrenthema, das dieses Album einleitet und in ‚Save The Life Of My Child‘ überleitet, das sich inhaltlich der Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind widmet. Der Text handelt wörtlich von einer Mutter, die verzweifelt ihren Sohn retten möchte, der gerade dabei ist sich von einem Hochhaus zu stürzen. Ein ausgereifter Text, der als große Metapher mit vielen kleinen Anspielungen aufgeht und den Nerv der 60er Jahre trifft. Der Song wird mit einigen verzerrten Synthesizern übertönt. Zwischendurch begegnet uns noch ein kleiner Schnipsel aus ‚The Sound Of Silence‘, dessen Essenz die Szene und den Umgang mit der Jugend zu kommentieren scheint. Das Ende mündet im Harmoniegesang und der ständigen Wiederholung der Zeile „Oh my grace, I’ve got no hiding place“, die man ironischerweise (man denke nur an den Jugendlichen, dem niemand so recht zuhört) erst beim genauen Hinhören entdeckt.

Weiter geht es mit America, dem Road Movie durch die Staaten und Gefühle. Mit dabei ist die von Paul Simon oft besungene Kathy und die hymnischen Zeilen ‚They´ve All Come To Look For America‘, die passend in Pathos getränkt werden. ‚Overs‘ schließt sich hier an und handelt vom Ende einer Beziehung. No good times, no bad times There’s no times at all Just The New York Times sitting on the windowsill near the flowers.

Ein weiteres Kernstück dieser Platte ist ‚Old Friends‘. Der Song wird zunächst von einem 2 minütigen Spoken Word Track eingeleitet, der aus Art Garfunkels Aufnahmen in einem Pflegeheim zusammengesetzt ist. Die Collage fügt kurze Aussagen der Bewohner zusammen, die ganze Leben zusammenfassen. In ‚Old Friends‘ sitzen zwei alte Männer auf einer Parkbank wie die Buchstützen am Ende eines Regals. Vom Treiben der Stadt längst überholt denken sie über ihre Freundschaft und die Vergangenheit nach. Wie eine kleine liebliche Erinnerung an alte Tage taucht das Thema darin aus der Welle an atonal angereihten Streichern auf und tritt als Fade Out in den Vordergrund.

Auf der B-Seite finden wir das grandiose ‚Faking It‘, bei dem die beiden wie selten zuvor aufspielen, das jedoch meist unterschätzt wird. Und natürlich die beiden Hits. Paul Simons New York Hommage ‚At The Zoo‘ und der lang erwartete Bezug zu The Graduate. ‚Mrs. Robinson‘. Der Song sollte ursprünglich ‚Mrs. Roosevelt‘ heißen und wurde für die Aufnahmen zum Soundtrack geändert wurde. Ähnlich wie in ‚A Hazy Shade of Winter‘ begegnen wir hier einem Amerika, das sich von dem berühmten American Dream entfernt und recht desillusioniert und verloren dasteht.

Das besondere an Bookends sind wohl die Harmonien und die Fülle an Themen und Emotionen, die hier innerhalb von knapp 30 Minuten vermittelt werden. Beim darauf folgenden Album ‚Bridge Over Troubled Water‘, das ebenfalls den Zauber einer typischen Roy Halee Produktion versprüht, waren die beiden zwar noch immer eine Einheit, doch musikalisch kam es hier bereits zu kleinen Brüchen und jeder der beiden hatte seine eigene Nische ausgeweitet. Damals wie heute fesselt mich der Sound der Platte und Paul Simon’s Songwriting jedes mal auf’s neue. Selbst jetzt, knapp 20 Jahre später, während ich mich öfters in meiner Wohnung nach der Arbeit im Wohnzimmer vor der Außenwelt verstecke und mich eher in Paul Simon’s ‚Still Crazy After All These Years‘ wiederfinde. Jeder Durchgang ist ein erstes Mal. Der Zauber stirbt nie.
[Sebastian Jegorow]