Liebe



Haneke macht es uns wieder nicht leicht, zeigt sich aber in gewisser Weise zugänglicher als sonst. Diesmal müssen wir uns nicht mit psychopathischen Jugendlichen rumschlagen, Endzeitstimmungen ausharren, uns von Unbekannten per Video überwachen lassen oder uns im schwarzweißen Fontane-Deutschland rumkommandieren lassen. Heiter und sonnig ist es trotzdem nicht und wird es auch niemals sein und das ist auch gut so, denn jemand muss schließlich auch in die Abgründe hinabschauen.
Trintignant (alt ist er geworden, der Gute!) soll für Haneke der eigentliche Antrieb für dieses Projekt gewesen sein. Gut, dass der inzwischen erheblich gealterte Schauspieler zugesagt hat. Haneke baut also die Wohnung seiner eigenen Eltern nach, um sich am Set wohlzufühlen und mit der Location vertraut zu sein. Bei dem Musikprofessoren-Ehepaar Anne (Emmanuelle Riva, kennt man hauptsächlich als junge Frau in „Hiroshima mon amour“) und Georges (Jean-Louis Trintignant) geht es zwar nicht um das Schicksal seiner eigenen Eltern, aber durch die örtliche Nähe, die sich der Regisseur selbst erschaffen hat, kann er wenigstens sicherstellen, dass die Wohnung zum eigenständigen Charakter wird. Die gesamte Handlung nistet sich dort ein und lässt uns selten heraus, bezieht lediglich ein paar wenige Außenstehende mit ein, wie etwa die Tochter (Isabelle Huppert) der beiden Musiker-Senioren.

Annes Krankheit beginnt mit ihrem katatonischen Anfall während des Frühstücks. Ein tragisches Ereignis, das dennoch zu einem prägenden Filmmoment führt, als Georges versucht, sie aus dem tranceähnlichen Zustand zu erwecken, während er ihr Gesicht mit beiden Händen umklammert und auf sie einredet. Das ist der Startschuss zum Leidensweg. Anne erleidet einen Schlaganfall, muss eine erfolglose Operation über sich ergehen lassen und kommt halb gelähmt im Rollstuhl wieder nach Hause. Pflegerinnen kommen und gehen, Georges versucht die Situation alleine zu bewältigen, die beiden isolieren sich zunehmend von der Außenwelt, doch er möchte sie um nichts in der Welt ins Krankenhaus abliefern, sondern bis zum Ende an ihrer Seite bleiben. Liebe bis zum bitteren Ende und auch darüber hinaus.
Was nach einem weinerlichen RTL-Fernseh-Drama für ewig schniefende Taschentuch-Hausfrauen klingt, distanziert sich jedoch von einer solchen trivialen Zielsetzung. Haneke analysiert vor allem den Umgang mit der Krankheit, blickt also auf Georges, der sich in Tagträume flüchtet, in die Erinnerung an alte Zeiten und an Halluzinationen, alles sei wieder (bzw. immer noch) in bester Ordnung.

Doch Anne verliert zunehmend die Kontrolle über ihren Körper und Geist, die Kommunikation wird schwieriger, bruchstückhafter. Ihr Mann nimmt das alles tapfer hin bis zum schockierenden Höhepunkt, den man nicht verraten darf, in dem Hanekes Handschrift auch diesmal spürbar wird, weil er plötzlich provoziert und wichtige Fragen stellt. Das erwartet man schließlich auch von ihm, wo er sich bis dahin lediglich in leisen Schritten dem Martyrium des Leidens und des langsamen Verfalls nähert.

Weitere Filmbeiträge von Andreas befinden sich in seinem Blog.