Cosmopolis


Mit seiner Verfilmung des Don Delillo Romans ‚Cosmopolis‘ gelingt David Cronenberg eine erneute Überraschung. Vorbei sind die Tage des Bodyhorrors, ‚Cosmopolis‘ ist eine amüsante Abrechnung mit dem Kapitalismus und seinen Ausgeburten wie dem spekulativen Investmentbanking.

Wer sich mit dem Oevre von Don Delillo und David Cronenberg beschäftigt, merkt recht schnell, dass die beiden Künstler offensichtlich Brüder im Geiste sind. Beide liefern seit 40 Jahren konstant wichtige Werke ab, die eine einzigartige Aura umgibt, und beide haben sich mehrmals als Propheten bewiesen. Don Delillo beschäftigte sich bereits in den 80ern mit dem Terrorismus und der Frage nach der Rolle der Literatur in einer Welt des medialen Overkills und Terrors. Cronenberg griff ein ähnliches Thema in Filmen wie ‚Videodrome‘ auf. Mit der Cronenberg-Verfilmung des 2003 veröffentlichten ‚Cosmopolis‘ kommt es zum ersten mal zu einer Kollaboration der Beiden.

In vielerlei Hinsicht nimmt Delillo in seiner 2003 veröffentlichten Romanvorlage den Literaturklassiker Mrs. Dalloway zugrunde und verfrachtet die Geschichte in die gegenwärtige Welt. Die Hauptfigur ist nicht Clarissa Dalloway, die Blumen für eine Party holen möchte, sondern der Vermögensverwalter Eric Parker, der sich in seiner Stretch-Limousine auf dem Weg zum Friseur macht. ‚Cosmopolis‘ fokussiert einen Tag im Leben des Millionärs, der im Schrittempo durch die Stadt gleitet, während außerhalb seines Mikrouniversums der gegenwärtige Wahnsinn herrscht. Der Präsident ist in der Stadt, die Occupy Bewegung kratzt nicht nur an Parkers Fensterscheibe, die Finanzmärkte brechen zusammen wie zu hoch gebaute Kartenhäuser und ein Trauerzug um einen toten Musiker lähmt die Stadt. Ähnlich wie Virginia Woolfs Roman, entwickelt die Geschichte um Eric Parker ihren Charme erst beim genauen hinsehen. Dann erst entdeckt man den grotesken Humor, die kleinen Glanzmomente und die interessanten Dialoge, die in diesen minimalistischen Rahmen gestopft wurden.

David Cronenbergs Verfilmung hält sich recht nahe an der Romanvorlage und trifft den Kern. Robert Pattinson, der Eric Parker verkörpert, tut was er am besten kann und ist mit seinem ausdruckslosen Gesicht die perfekte Besetzung. Einen ähnlich guten Eindruck machen ebenfalls Juilette Binoche und Samantha Morton. Cronenberg hat den bekannten Bodyhorror seiner früheren Tage bereits bei Filmen wie ‚Die gefährliche Begierde‘ hinter sich gelassen und auf die Psyche oder Teile der Gesellschaft ausgeweitet. In ‚Cosmopolis‘ knüpft er sich den Kapitalismus und seine Entartung vor. Die neu erschienene DVD und Blu-Ray bietet zusätzlich zum Film unzählige Interviews, in denen insbesondere Robert Pattinson und David Cronenberg im Mittelpunkt stehen. Ergänzend sollte man sich das Feature zur Premiere des Films in Berlin anschauen.

Die Zusammenführung der beiden Großmeister ist auf ganzer Linie gelungen. Wer sich auf Cronenbergs Fassung von ‚Cosmopolis‘ einläßt, wird mit vielen offenen Fragen belohnt. Manche sind harmlos wie die nach der ‚asymmetrischen Prostata‘, manch andere beunruhigender als die Transformationen in seinen Horrorfilmen.