We Need To Talk About Kevin



Von Frau Ramsay davor schon „Ratcatcher“ gesehen und genossen, jedoch erst nach der Sichtung ihres neuen Filmes erfahren, dass die gleiche Frau dahintersteckt, bzw. wer überhaupt dahintersteckt und dass man sich den Namen unbedingt merken muss.

„We need to talk about Kevin“ völlig ohne Erwartungen angepackt, lediglich das Thema grob im Internet überflogen, schon saß man im knapp bemannten Kinosaal. Dabei ist der Film etwas sehr Großes, etwas Besonderes und Wichtiges. Eine ganz dunkle Lehrstunde über die Quelle des personifizierten Bösen, ganz nahe am wahren Leben, oder besser: mitten drin. Er packt das Thema des schulischen Amoklaufs direkt an der Wurzel, giert nicht nach Sensation, sondern schwenkt die Kamera zu einer gebeutelten Frau (eine großartige, mehrgesichtige Tilda Swinton), die Mutter des Übeltäter und Massenmörders, die mit dem Verstoß aus der Gesellschaft umgehen muss, die mit einer tonnenschweren Last durch den Alltag wandert, alle Schläge und Beschimpfungen auf sich nimmt und beinahe mit widerspruchsloser Akzeptanz für die Gräueltat ihres Sohnes büßt.

Doch der Film behandelt mehr als nur das Martyrium einer Frau, denn er porträtiert gleichzeitig die gegenwärtige Beziehung zwischen Mutter & Sohn (während ihrer Gefängnisbesuche) und zerstückelt die Handlung mit Rückblenden, die vor der Tat angesiedelt sind, bis schließlich die Entwicklung des Sohnes von Geburt bis zum Jugendlichen (und bis zur Tat) ganz im Vordergrund steht.

Der Film bietet also eine umfassende Studie, die den Zuschauer herausfordert, ohne ihn inhaltlich zu malträtieren, weil das erzählerische Gleichgewicht stimmig bleibt. Der Film stellt Fragen über die Erziehungsmethoden, die Beziehung der Eltern zueinander und je tiefer er sich hineingräbt. Desto brüchiger wird die Kommunikation zwischen den Figuren, die von Anfang an schon kaum existent war. Der Sohn entwickelt sich vom Omen-haften Teufelskind immer deutlicher zum unantastbaren, sich stets widersetzenden Dämon, der von Kindesbeinen an mit Pfeil und Bogen bewaffnet ist und vermutlich seit je her ein festes Ziel anpeilt.

Ein in Rot getunkter Albtraum, ob in der surrealen Anfangssequenz, über die mit roter Farbe beschmierte Hausfassade, bis hin zum blutigen Kunststück des jungen Schützen. Nicht nur ein guter, sondern auch ein wichtiger Film; angelegt wie ein guter Horror, aber viel verstörender weil näher am wahren Leben.

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