Sibylle Berg – Vielen Dank für das Leben


Vielen Dank Frau Berg! Ihr neuer Roman hat drei Tage meines Amerika-Urlaubs verschluckt. Im Flieger war mir die Aussicht über Grönland egal, in Seattle war mir die Space Needle für 3 Tage egal. All die grünen Scheine und Wiesen, all die US-Dichter und auch die kommunikativen und liebenswerten Menschen konnten mich mal. Nur ihre Sätze und die Geschichte um Toto zählten.

Der neueste Streich der Autorin, die seit einigen Jahren in Zürich wohnt, ist zugleich ihr bisher bestes Werk. Bereits seit Jahren beliefert Sibylle Berg die deutsche Literaturlandschaft mit literarischen Momentaufnahmen, die um den Alltag der Menschen kreisen und die Leben verschiedener Männer und Frauen streifen. Doch nun fügt sie sich einer großen Geschichte und entpuppt sich als Geschichtenerzählerin. Die bissige und wortgewandte Sprachkünstlerin nähert sich hier der früheren Erzählkunst eines John Irving. Aufgrund der Hauptfigur und der Liebe zum Detail würde einem hier vielleicht ebenfalls Jeffrey Eugenides Zwitterepos ‚Middlesex‘ noch als Referenz einfallen.

‚Vielen Dank für das Leben‘ ist die Lebensgeschichte des/der Toto, die hier im Mittelpunkt steht. Die Leiden der Hauptfigur beginnen in den 60ern mit der alkoholkranken Mutter, die ihr Kind lieblos in die Welt rotzt. Da das Geschlecht nicht genau bestimmt werden kann, wird das Kind einfach Toto genannt. In den darauf folgenden Jahren wird Toto wie ein Geldschein weitergereicht, sucht vergeblich nach Liebe, flieht aus der DDR, versucht sich als Sänger, findet die eigene Identität und begegnet allen Schicksalsschlägen und Tritten mit einem Lächeln. Die Autorin schildert diese Geschichte mit viel Sarkasmus und Biss. Jeder Satz wirkt perfekt durchdacht und pointiert. Der Schmerz, das Leid und die Komik hinter all den Dingen werden hier tatsächlich spürbar.


Toto, dessen Leben sich bis in eine Zukunftsvision erstreckt, ist natürlich auf seine eigene Art ein Zeitzeuge. Die Schilderung der DDR und die Ost/West-Lebensentwürfe der Menschen sind hierbei alles andere als die übliche Feuilleton-Wichsvorlage und auch auf Ereignisse wie den Mauerfall oder 09/11 hat Toto einen eigenen Blick. Toto ist die Verkörperung des Guten, das in den Menschen nichts als Unbehagen und Ablehnung hervorruft und in der Welt keinen Platz hat. Egal ob 1966 oder 2015, die Welt ist kalt und brutal. Vieles ist schwarz, fast nur Toto alleine weiß. Die Kulturpessimistin Sibylle Berg überzeichnet, geht hier jedoch über ein schlichtes Anprangern hinaus. An den Rändern wird immer wieder die Kausalität angedeutet, die hinter dem Düsteren und Kalten in der Welt steckt. Seien es gescheiterte Lebensträume, die Umgebung oder der schlichte Überlebenswille.

Vielen Dank Frau Berg, Ihr Roman war das schönste Lese-Erlebnis, dass ich seit langer Zeit hatte. ‚Vielen Dank für das Leben‘ ist ein sprachliches und erzählerisches Zauberstück, das mit einer letzten Pointe endet und den Leser weinend und lachend zugleich zurücklässt.