3 Festivals / 3 Countries #1: Off Festival 2012 – Katowice


Off Festival 2012

Morgens um 8 Uhr in Katowice. Ich bin zurück in dem Land, in dem ich geboren wurde, während Arbeiter in Danzig einen hoffnungslosen Kampf gegen den Kommunismus und die Zustände in Ihrem Land angingen. Einige Monate später verfolgten meine Großeltern besorgt die Ansprache des Generals Jaruzelski, der das Kriegsrecht im polnischen Fernsehen verkündete, und der Kinderwagen meiner Eltern wurde von Soldaten untersucht. Nein, der Junge war keine Bombe. 31 Jahre später ist all das nur noch Teil der verstaubten Geschichtsbücher. In den polnischen Städten prägen große Shoppingmalls mit Starbucks-Franchises das Stadtbild und ich kann gleich auf einem der vielen Festivals US-Helden wie Stephen Malkmus oder Henry Rollins sehen. Nur einige Straßen, Denkmäler, Geschichten der Menschen um mich herum und der Betonbau des Hotel Katowice, in dem ich gerade frühstücke, erinnern mich an die rote Vergangenheit des Landes. Da hätte der Hardliner Jaruzelski wohl blöde geguckt.

Organisiert wird das Off Festival, das 2011 bei den Festival Awards zum besten mittelgroßen Festival gekrönt wurde, von Artur Rojek. Rojek ist längst eine Popgröße in Polen. Der Musiker war bis vor einigen Monaten noch Mitglied der polnischen Band Myslovitz, die unter anderen als Support von Iggy Pop durch Deutschland tourte. Der Musikliebhaber veranstaltete 2007 die erste Ausgabe des Off Festivals und reist das gesamte Jahr über durch die Länder und lädt seine liebsten Entdeckungen zum Off Festival ein. Das endgültige Line Up, das meist aus ca. 90 Bands besteht, ist eine Mischung aus großen Legenden der alternativen Musik (Iggy Pop, Flaming Lips, Primal Scream, Dinosaur Jr.), den aktuellen Helden der Hypeblättchen und lokalen Entdeckungen.

So konnten die Zuschauer während der 3 Tage in diesem Jahr neben Headliner wie Iggy Pop, Battles, Swans und Thurston Moore auch polnische Bands wie Paula & Karol oder die beliebten Musiker von Kobiety sehen. Das Gelände ist eine Mischung aus einer Parkanlage und der benachbarten Fluganlage, dessen Teile während der Zeit mal eben zum Zeltplatz umfunktioniert werden. Passend dazu kreisen während der Auftritte hin und wieder Kleinflugzeuge über den Zuschauermengen. Der größte Unterschied zu europäischen Festivals ist wohl der Biergarten, der als abgezäunter Ort für Verpflegung sorgt. Die zahlreichen Stände bieten alle möglichen lokalen und internationalen Speisen, Getränke und Süßigkeiten an. Anfangs mag es ungewöhnlich sein ohne Bierbecher vor der Bühne zu stehen, nach einigen Songs weiß man dies jedoch zu schätzen. Auch sonst ist das Festival weit von der Proll-Attitüde einiger europäischen Festivals entfernt. Keine Bierleichen, keine pöbelnden Betrunkenen und nur an den richtigen Stellen Pogen.

Abgerundet wird dies mit einigen Lesungen bekannter Autoren wie Olga Tokarczuk. Hin und wieder sah man Artur Rojek im Publikum. Und er wirkte zufrieden und glücklich. Konnte er angesichts des tollen Festivals auch sein.

Eigentlich eher Chelsea Light Moving als Thurston Moore. Während die Zukunft von Sonic Youth nach der Trennung von Moore und Gordon gerade mehr als ungewiss ist, toben sich die Mitglieder mit Ihren Nebenprojekten aus. Lee Ranaldo brachte vor einigen Monaten eine beachtliche Soloplatte heraus, Kim Gordon war mit Ihrer experimentellen Zusammenarbeit mit Ikue Mori ebenfalls auf dem Off Festival vertreten und Thurston Moore stellte seine neue Band Chelsea Light Moving vor. Diese legte direkt mit Thurstons Song ‚Orchard Street‘ im neuen Gewand los. Statt der Akustikgitarren wird hier zu E-Gitarren gegriffen und der Song mündet in einem minutenlangen Noise-Outro. Auch sonst hat Thurston Moore mit seinem neuen Projekt die Akustikgitarre wieder abgelegt und nähert sich sehr stark an den Sonic Youth Noise und Gitarrenzauber. Immer wieder bearbeitete der übergroße Moore während des grandiosen Auftritts voller Liebe und Wucht seine Gitarre und spielte neben der ersten Chelsea Light Gehversuche ebenfalls einige Klassiker wie ‚Patti Smith Math Scratch‘.

Vorab gab es bereits die Warnung an die Zuschauer, niemand solle sich die Swans ohne Ohrenschutz anschauen. Wer dem Spektakel dann beiwohnen durfte, wußte direkt nach den ersten Tönen warum. Der majestätische Krach, den die Band um Michael Gira veranstaltete, ließ wohl selbst die Häuser am anderen Ende der Stadt beben. Dementsprechend wagten sich nur wenige in die ersten Reihen. Der Großteil der Zuschauer blickte voller Ehrfurcht und mit viel Distanz auf Michael Gira, der mit seinen Wutattacken die Bandmitglieder immer weiter anfeuerte. Das Ganze fiel selbst für Swans-Verhältnisse überraschend Instrumentel und..ja eben laut…aus.

Mit viel Zähneknirschen und der Vorfreude auf den Haldern Festival habe ich auf Charles Bradley verzichtet, um King Creosote zu sehen. Gelohnt hat es sich. Der sympathische I(r)re hat ein famos wohliges Gefühl hinterlassen und einen wundervollen Auftritt hingelegt. Gemeinsam mit Jon Hopkins, der ihn wieder dezent am Flügel begleitete, spielte der Songwriter sich durch die Songs seiner Karriere. Dabei kamen vor allem die Stücke seiner Zusammenarbeit mit Hopkins, jedoch auch einige ältere Songs, irische Trinklieder und ein herzerweichendes ‚Nothing Compares 2 U‘ Cover zu tragen.

Der 65jährige springt, schreit, singt, spuckt und rockt noch immer alle in Grund und Boden. Wie ein Beserker tobt er auf der Bühne, zieht bei ‚Shake Appeal‘ einige Zuschauer auf die Bühne und tanzt mit Ihnen unkontrolliert herum. Bei all dem wahren Rock-Appeal bleibt am Ende neben Schweiß große Achtung vor der Selbstkontrolle und Disziplin der Punkikone, ohne die er eine solch beeindruckende Show wohl nicht überlebt hätte.

Die Chromatics schweben seit Jahren in der Blogosphäre und waren bereits vor einigen Jahren in Polen. So langsam mausert sich die Band jedoch zum großen Highlight. Irgendwo zwischen Shoegaze und Darkwave baut die Band ihre düsteren Songs mal um mal auf und weiß damit zu überzeugen. Die Hits ihres ‚Kill Your Love‘ Albums sitzen perfekt. Als krönenden Abschluss gibt es das obligatorische Neil Young ‚Into The Black‘ und sogar ein Kate Bush (natürlich ‚Running Up The Hill) Cover.

Vor einigen Jahren spielte die Band bereits beim polnischen Festival Nowa Muzyka einen verrückten und für die Band vermutlich sehr frustrierenden Auftritt. Damals noch als Vierer unterwegs, war die Band sichtlich mit ihrer eigenen Technik überfordert. Samples passten nicht, Tyondai Braxtons Keyboard fiel ständig runter, Instrumente streikten. Die Band biss sich durch und rückte den großartigen Schlagzeuger John Stanier noch weiter in den Mittelpunkt. Anno 2012 sieht die Sache ganz anders aus. Sänger/Keyboarder Tyondai Braxton ist längst ausgestiegen, die Battles haben eine zweite Platte veröffentlicht und diesmal können Sie in Polen ohne technische Probleme glänzen. Und wie sie das tun. Jeder Ton dieser kunterbunten Musikexperimente sitzt perfekt. Das muss er auch, denn im Hintergrund läuft eine Leinwand mit Video- und Tonsamples, an die sich die Band halten muss. Das Soundequipment der drei Musiker erinnert an ein Museum der klassischen und modernen Instrumente. Ian Williams übernimmt die Führung des Trios und sogar einige Vocals. Einzig Stanier, der weiterhin im vorderen Bereich der Bühne um sein Leben trommelt, erinnert an den früheren Auftritt der Band. Alles in allem beweisen die Battles, dass sie aktuell handwerklich eine der besten Livebands sind und nach Braxtons Weggang sogar besser geworden sind

Hier geht es zum zweiten Teil der 3 Festivals / Countries Berichte.