The Welcome Wagon – Precious Remedies against Satan’s Devices


“Wirksame Maßnahmen gegen Satans Hinterlist” – im Jahr 2012 wirkt so ein Albumtitel merkwürdig deplaziert. Während Gospelmusik vor vierzig, fünfzig Jahren noch ganz selbstverständlich zum Repertoire amerikanischer Musiker gehörte, scheint die Schwester des Blues ihre beste Zeit hinter sich zu haben. Was nicht heißt, dass Religion keine Rolle mehr spielt: Künstler wie Leonard Cohen, Mavis Staples oder Dr. John bemühen immer wieder Gott in ihren Werken. Doch Gospel ist nicht nur was für alte Herren (bzw. Damen), wie Vito und Monique Aiuto alias The Welcome Wagon beweisen. Auch wenn der Titel aus dem 17. Jahrhundert stammt, ist ihre Form der Lobpreisung modern, frisch und auch für Atheisten hörenswert.

Aiuto selbst wuchs als Agnostiker auf, entdeckte aber als 20-jähriger das Christentum und ist nun Pastor einer presbyterianischen Gemeinde in Brooklyn. Fans von Sufjan Stevens dürfte Aiuto schon länger bekannt sein: Er ist nicht nur Stevens’ geistiger Beistand, sondern auch Mitwirkender auf dessen ’Songs for Christmas’. Zudem widmete Stevens ihm “Vito’s Ordination Song“ auf seinem Album ’Michigan’. Die Musik entdeckte der Gelegenheitsdichter Aiuto als er zusammen mit seiner Frau Monique, einer Künstlerin, Hymnen singen wollte. Er kaufte sich eine Gitarre und da er keine Noten lesen konnte, vertonte er die Texte kurzerhand selbst. Was als Hausmusik gedacht war, entwickelte sich zum Zweitjob: Stevens’ Label Asthmatic Kitty nahm The Welcome Wagon unter Vertrag, außerdem produzierte er das Debütalbum ’Welcome to The Welcome Wagon’ sowie die EP ’Purity of Heart Is to Will One Thing’.

Während die ersten beide Werke noch stark an Stevens’ ’Seven Swans’ oder ’Songs for Christmas Vol. 1-5’ erinnern, haben sich The Welcome Wagon auf ’Precious Remedies’ vom musikalischen Übervater emanzipiert. Zwar spielt Stevens Banjo und Klavier und singt auch im Chor, die Produktion hat jedoch Alexander Foote übernommen. The Welcome Wagons Musik ist immer noch intim und erfrischend unverkrampft, doch weniger schräg und rumpelnd sondern insgesamt erwachsener. Sanfte, elegische Countrymusik (”Would You Come and See Me in New York”) wechselt sich mit Uptempo-Songs (”God Be with You Til We Meet Again”) ab. Herausragend sind vor allem die beiden zweiteiligen Lieder: “My God, My God” ist ein trauriges Gebet, in dem Moniques Sopran von Chor und Bläsern, Klavier und Steel Guitar unterstützt wird, bevor Vito übernimmt, dessen Stimme zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankt. “My Best Days“ (dessen zentrale Zeile “Those are my best days/when I shake with fear“ einem Sonett von John Donne entlehnt ist) beginnt ruhig und nachdenklich, wandelt sich dann aber zum ermunternden, chorverstärkten Popsong.

Wie auch der Vorgänger besteht ’Precious Remedies’ aus Eigenkompositionen, Kirchenliedern (die teilweise aus dem 7. Jahrhundert stammen) und Coverversionen, beispielsweise “High“ von The Cure. Die Songs sind für die Aiutos vor allem eins: “A special remedy against every spiritual malady“, wie Thomas Brooks, der Autor der originalen “wirksamen Maßnahmen gegen Satans Hinterlist“ es formuliert. Oder wie Vito sagt: “We’ve always thought of our music as a gift from God. […] We think of it as music that serves as spiritual medicine.” Man muss allerdings nicht gläubig sein, um mit den Songs von The Welcome Wagon etwas anfangen zu können. Es geht eher um allgemeines Leid oder die schwierigen wirtschaftlichen Umstände, etwa in “Rice & Beans (But No Beans)“: Phone cut off, worn through shoes/Check may

bounce, rent come due/At the end of the day I’m glad to have a friend like you. So sprechen The Welcome Wagon eher universelle Themen an wie die Sehnsucht nach Liebe, Freundschaft und Geborgenheit in schwierigen Zeiten.

Die Songs strahlen eine Warmherzigkeit aus, dass man das Gefühl hat, Freunden zuzuhören. Die üppigen Arrangements sorgen zudem dafür, dass das Album immer abwechslungsreich ist. So ist ’Precious Remedies’ am Ende tatsächlich so etwas wie eine Medizin, die dem Hörer Linderung verschafft. Zumindest für eine Weile.