Lee Ranaldo – Between the Times and the Tides


Nach der Scheidung von Kim Gordon und Thurston Moore ist die Zukunt der Avantgard-Rocker von Sonic Youth recht ungewiss. Lee Ranaldo ließ im November verlauten, dass die Band eine größere Pause einlegen würde. Nach 30 Jahren ist eine Rockwelt ohne ihren Noise-Herzschrittmacher undenkbar. Doch die Musiker sind in der Zeit bis zum erhofften SY-Comeback alles andere als Faul. Nach Thurston Moores ‚Demolished Thoughts‘ und Kim Gordons Experimenten mit Ikue Mori legt uns uns auch Lee Ranaldo sein neues Soloalbum vor.

Und auf ‚Between the Times and the Tides‘ gibt er sich überraschend zugänglich, rückwärtsgewandt und geradlinig. Waren Ranaldos frühere Soloalben noch von experimentellen Gitarrenschnörkeln, surrealen Noisegebilden, Improvisationen und Gitarrenwänden geprägt, überzeugt das unauffällige Musikgenie diesmal mit schlichtem 90s Rock und eingängigen Melodien. Paradebeispiel des neuen Lee Ranaldo ist die Single ‚Off The Wall‘. Für die präzise Rythmusbegleitung sorgt übrigens unter anderem der SY-Drummer Steve Shelley. Und auch sonst ist das Line Up, das Ranaldo in´s Studio gezerrt hat, ein who is who der Szene. So wird er auf dem Album von Jim O’Rourke, Bob Bert (ehemals SY) und Nels Cline (Wilco) unterstützt.

Ähnlich wie Thurston Moores ‚Demolished Thoughts‘ und J.Mascis ‚Several Shades Of Why‘ greift er hier zumindest bei einigen Songs zur Akusikgitarre, traut sich jedoch zudem in seinen Songtexten hin und wieder das abstrakte Gewand abzulegen und Zeilen wie „I long for your lips“ (Stranded) zu singen. „Tomorrow Never Comes“‚ tappt sich dabei voller Gefühl langsam an „Tomorrow Never Knows“ der Beatles heran und beim Opener ‚Waiting On A Dream‘ wird man dank der Gitarrenlinie direkt an ‚Paint It Black‘ der Stones erinnert.

Ein wenig 60s folk, verspielte Gitarren, straighte Rocknummern aus den 90ern, Psych-Rock. Passender könnte der Titel der Platte wohl kaum sein. ‚Between The Times And the Tides‘ geht auf die zahlreichen Facetten des grauhaarigen Gitarristen ein und ist ein überaus versöhnliches Glanzstück eines Ausnahmekünstlers.