Joe Pug


Joe Pug

Die besten Entdeckungen sind oft die, die aus heiterem Himmel kommen. Joe Pug habe ich nur kennen gelernt, weil last.fm ihn mir hartnäckig empfohlen hat. Irgendwann entschloss ich mich also, ihn einfach anzuhören. Eigentlich war ich mit anderen Dingen beschäftigt und erwartete nicht großes, und schon gar nicht, dass mich die Musik so völlig umhauen würde wie sie es getan hat. Diese Wut, diese Inbrunst, das erinnerte mich sofort an den jungen Dylan. In diesem Moment konnte ich nachfühlen, wie es für die Menschen gewesen sein muss, als sie 1963 zum ersten Mal The Times They Are A-Changin’ gehört haben. Ich ahnte, dass ich jemanden mit einer außergewöhnlichen Begabung vor mir hatte, jemanden der das Potential hat, etwas ganz besonderes zu werden.

Viel ist nicht über Joe Pug bekannt und die wenigen Informationen, die auf seiner Internetseite zu lesen sind, haben eine schon fast legendenhafte Qualität: Mit 23 Jahren schmiss Joe sein Dramaturgiestudium an der University of North Carolina und fuhr nach Chicago, wo er tagsüber als Zimmermann arbeitete und nachts Songs schrieb, auf seiner Gitarre, die er seit Jahren nicht mehr angefasst hatte. Ein befreundeter Toningenieur ließ Joe nachts heimlich in sein Studio, wo er die Songs aufnahm, die 2008 die Nation of Heat EP wurden. Ein Jahr später veröffentlichte er die In The Meantime EP kostenlos auf seiner Homepage, bevor im Februar 2010 sein Debütalbum Messenger erschien. Als besonderen PR-Gag verschickt er zudem höchstpersönlich CDs mit zwei Songs an jeden, der ihn darum bittet. An die 20000 sollen es mittlerweile sein.

Wie der Zufall es so wollte, stand ich damals selbst vor einer Zäsur in meinem Leben: Ich hatte gerade mein Studium beendet und brach am nächsten Tag zu einer neunmonatigen Australienreise auf. Joes Musik und seine Biographie trafen da einen Nerv bei mir und über die darauffolgenden Monate wuchsen seine Songs mir sehr ins Herz, mehr noch: Sie wurden zum Soundtrack meiner Reise. Ich brach in unbekannte Gefilde auf, ich arbeitete mit meinen Händen und träumte doch davon, ganz andere Dinge zu tun, ich verliebte mich flüchtig, ich sah großes Unrecht. Egal was ich tat – es schien immer einen Joe-Pug-Song zu geben, der genau dazu passte. Als ich daher hörte, dass Joe für eine handvoll Konzerte nach Australien kommen würde, schien es da nur natürlich, dass ich sämtliche Reisepläne über den Haufen warf, um ihn in Melbourne zu treffen.

Jemanden, dessen Musik ich so gerne mochte in meiner Lieblingsstadt zu sehen, auch noch zweimal, bedeutete mir die Welt. Und er sollte mich nicht enttäuschen. Es war keine große Show, nur Joe und seine Gitarre, aber trotzdem haben mich die beiden Abende nachhaltig beeindruckt. Ich kann mich nicht erinnern, mir bei einem Konzert jemals Sorgen um die Person auf der Bühne gemacht zu haben, aber diesmal war es so, einfach weil Joes Auftritt so unglaublich intensiv war. Bei seinen „Protestsongs“ wie ’Nation of Heat’ oder ’I Do My Father’s Drugs’ schien er unfassbar wütend zu sein und haute so kräftig in die Seiten, dass ich befürchtete, sie würden reißen. Dann wieder war er so verletzlich, wie etwa bei ’Not So Sure’ oder ’Disguised As Someone Else’, in dem er davon träumt, seine Ex-Liebe als jemand anderer verkleidet zu treffen: „I don’t have the stomach to face you as myself.“ Kürzlich erschien übrigens sein Album Live at Lincoln Hall als Download, das einen sehr schönen Eindruck von seinen Livekünsten vermittelt. Am Ende des zweiten Konzerts verschenkte Joe auch noch gebrannte CDs, als Entschuldigung dafür, dass die Plattenfirma das Merchandise verloren hatte, die er jedem Gast persönlich überreichte. Es war ein ganz seltsamer Moment, als ich ihm gegenüber stand und mich dafür bedankte, dass er nach Melbourne gekommen war, da er ja nicht wusste, wie wichtig er für mich war, während ich nur eine von vielen für ihn war. Trotzdem war er so freundlich wie er nur sein konnte: Er überreichte mir die CD und gab mir die Hand. Ich wollte sie nie wieder waschen!

Wenngleich Joe sehr schönen Alt.Country in der Tradition von Gram Parsons macht, sind seine Texte das wirklich Herausragende. Trotz seines bisher überschaubaren Oeuvres hat er schon haufenweise großartige Zeilen produziert, wie „Even our coughs and our fevers compete“ (‘Nation of Heat’), „When hunger strikes are fashion and freedom is routine, when all the streets in Cleveland are named for Martin Luther King“ (‘I Do My Father’s Drugs’) oder “I’m dreaming for a living, I got no time for work” (‘In the Meantime’). Sein vielleichter bester Song ist die Anti-Kriegs-Hymne ‘Bury Me Far (From My Uniform)’, die aus der Sicht eines toten Soldaten geschrieben ist: “I fought their battles in this world, I’ll not fight for them in the next. Do not find me justice, just find me a grave. And then bury me far from my uniform,
so God might remember my face.”

Im Frühjahr erscheint Joes zweites Album The Great Despiser. Auch wenn ich dann wahrscheinlich nicht zu neuen Abenteuern aufbreche, bin ich sicher, dass mir das Album wieder viel geben wird. Vielleicht bringt es mich aber auch wieder dazu, etwas völlig Impulsives zu tun. Eins habe ich nämlich gelernt: Wenn man etwas tun will, dann sollte man es auch tun, denn oft ist es einfacher als man denkt. Oder wie Joe sagen würde: „After all the trouble, after all of the commotion, I walked right through, the door was always open”.