Guided By Voices – Let´s Go Eat The Factory


Dinosaur Jr., Sebadoh, die Lemonheads, Pavement… Die Festival Line-Ups und Release-Listen der letzten zwei Jahre wirken wie eine Zeitreise in die 90er. Unvergessene Bands, deren Trennungen uns viele Tränen gekostet haben, und alte Indie-Helden sind plötzlich wieder am Leben und rocken sich ohne Rheumasalbe zurück in unsere Herzen. Selbst neue Bands wie Yuck setzen auf den rotzig ungeschliffenen Rock alter Tage. Da dürfen Guided By Voices, die 2004 mit ihrer Auflösung die 90er endgültig mit in ihr Grab nahmen, nicht fehlen.

Mit den Songs, die der ehemalige Schullehrer Robert Pollard seit der frühen 80er als Songwriter geschrieben hat, könnte man 2 Tage füllen und würde keinen einzigen Song doppelt hören. Denn auch wenn seine Songs häufig die 2 Minuten Marke nicht überschreiten, so sind es mittlerweile über 1000 Stück. Da war es für Pollard natürlich nur eine Fingerübung für die neue GBV-Platte, deren Titel bereits wie eine Kampfansage klingt, 21 frische Songs aus dem Ärmel zu schütteln. Mit an Bord ist diesmal – wie bei der 2010er Revival-Tour – wieder das Line Up, das Pollard 1996 zur Hölle geschickt und mal eben gegen die Mitglieder der Band Cobra Verde ausgewechselt hat.

Und die 21 neuen Songs fühlen sich tatsächlich wie die erdigen 90er an und setzen dem Waschlappenfolk der letzten Indiegeneration ein Ende. Endlich wieder Musik mit Eiern und blutigen Knien. Von Pollards teils mäßigen Soloalben, die selbst den größten Fan über weite Strecken nur mäßig zufrieden stellen konnten, ist hier GBV sei Dank nichts zu spüren „Laundry & lasers“, „Doughnut for a snowman“ und „The unsinkable Fats Domino“ sind drei perfekte Beispiele der Klasse dieser Band. Hier klingt die Spielfreude und direkte Art sofort durch. Kaum eine andere Band nimmt sich so viele Freiheiten und beklaut so souverän die Musikgeschichte ihrer schönsten Melodien, ohne auch nur die geringsten Fingerspuren zu hinterlassen. Sie alle werden bei GBV mit der typischen DIY Attitüde und dem Rumpeln und Knarschen der 90er liebevoll lieblos dem Hörer vor die Füße gerotzt.

Und wenn sie der E-Gitarren müde sind, holen sie mal eben die Akustikgitarre aus der Studioecke und spielen einen Akustiktrack. Verändert haben sie sich gar nicht. Wozu auch? Wer anderer Meinung ist, sollte „My Europa“ oder „God Loves Us“ hören und die Fresse halten. Whatever works. So lieben wir sie. So wollen wir sie.
[Sebastian Jegorow]