Phish


phish

Phish einmal live erleben. Ein großer Wunsch. 1998 hätte gar nicht viel gefehlt. Mein Ziel war Alpine Valley, die Pläne geschmiedet, die Vorbereitungen getroffen, die knapp zwei Autostunden, die vor uns lagen, das Einzige was uns noch von “Character Zero“, “Wilson“ oder “Chalk Dust Torture“ trennte. Und dann die Hiobsbotschaft: Unser Fahrer ist abgesprungen, Alpine Valley muss geknickt werden! So nah sollte ich dem Besuch eines Phish-Konzerts nie mehr kommen. 2004 lösten sich die Herren Anastasio, Gordon, Fishman und McConnell dann auf – das verpasste Konzert in East Troy, Wisconsin wog von nun an noch schwerer. Die „Diese Band werde ich wohl nie live sehen“-Skala wurde um einen Namen länger.
Aber dank der Hochzeit ihres ehemaligen Tourmanagers fand man im September 2008 wieder als Band zueinander. Das Quartett spielte drei Songs und die Gerüchteküche brodelte von nun an. Stand eine Reunion wirklich kurz bevor, oder war es nur ein einmaliges Geschenk an einen alten Freund? Jeder, der die Szene aufmerksam verfolgte, wettete auf die positivere der beiden Möglichkeiten. Schließlich hatten Trey Anastasio (via Rolling Stone) und Page McConnell (via phish.com) schon im Frühjahr Anzeichen für eine bevorstehende Wiedervereinigung durchsickern lassen. Sogar ein neues Studioalbum mit Steve Lillywhite, dem Produzenten von “Billy Breathes“, war im Gespräch.

Die virtuellen Jubelschreie hätten dann kaum lauter sein können, als Phish im Oktober drei Konzerte im Hampton Coliseum bestätigten. Am 6., 7. und 8. März 2009 fanden diese statt, wer vorbestellte, bekam alle drei Shows als Gratis-MP3-Download. Da der Run auf die begrenzten Tickets fast keine Grenzen kannte, schuf man eine Alternative für all die armen Mützen, die nicht nach Hampton kommen konnten. Unkompliziert und Fan-freundlich, typisch Phish. Was Augenzeugen berichteten und was man auf den Mitschnitten hört, ist regelrecht atemberaubend. Selten waren Phish frischer, spielfreudiger und auf den Punkt fit. Von “Fluffhead“ bis “Tweezer Reprise“ war es ein drei Tage langes Konzert für die Ewigkeit.

Es waren nicht die besten Phish-Shows, die der amerikanische Vierer jemals irgendwo auf die Bretter gezaubert hat, aber dieser Funke war wieder da. Sogar wenn sie sich verspielten. Dieser Funke, den man sogar spürt, wenn man nur die Livekonserve in den Player legt. Kein “Wilson“, bei dem man nicht lauthals mitmacht, kein “Bouncing Around The Room“ bei dem es einen auf dem Stuhl hält, kein “Free“ bei dem man nicht nostalgisch wird. Als hätte man den ganzen Katalog im Gepäck, übertreffen
sich Phish mit der Zusammenstellung ihres Sets von Abend zu Abend. Jeder hat eigene Highlights, für mich sind es das elegische “Silent In The Morning“ und der erhabene Klassenprimus “Prince Caspian“.

Nach Hampton war natürlich noch lange nicht Schluss. Endlich führten Phish das Festival an, das es ohne Geschichten wie Clifford Ball in dieser Form nicht geben würde. Bonnaroo wird zum Siegeszug, die Spätsommertour zum Familientreffen, beim bandeigenen ‘Festival 8‘ covern die Herren die komplette “Exile On Main St.“ und “Joy“, das brandneue Studioalbum mit Steve Lillywhite an den Reglern, wird Wirklichkeit und mit die beste Studioarbeit, die Phish je abgeliefert haben. Nach “Billy Breathes“ ist es für mich das zweitbeste Album der Amerikaner – definitiv ein Grund die Platte etwas genauer vorzustellen.

Aus gutem Grund kann man Phish vorwerfen, dass ihre Studioarbeit oftmals hinter den Erwartungen zurückblieb. Platten wie “The Story Of The Ghost“ fehlte es an Präzision und Druck, “Rift“ hatte gute Songs, wirkt – als Gesamtwerk – aber bestenfalls wie ein Flickenteppich und die letzte LP, “Undermind“, mag gefallen, ist unterm Strich allerdings eine Art Fremdkörper im Katalog der Band. Nur “Billy Breathes“, “A Picture Of Nectar“ und, mit Abstrichen (wegen der altbackenen Produktion), “Hoist“ sind ähnlich dicht und verwoben wie ein Konzert der Band. Im Studio braucht man gar keine 20-minütigen Improvisationen, die Chemie und die Gradwanderung zwischen Songorientierung und langer Leine muss stimmen. Das war im Fall von Phish nur selten so. Nach der jahrelangen Bühnenabstinenz hat “Joy“ jetzt all das, was man sich von einem Studioausflug von Phish erwartet. Vielleicht war es der Abstand, den die Band zu sich und ihrem Ruf gefunden hat, der den Weg unmissverständlich vorzeichnete. Steve Lillywhite findet den Mittelweg zwischen Jam- und Rockband. Zum 25. Jubiläum der Band gelingt ihr das Album, auf das einige Fans seit 1998 warteten. Man erkennt zu jeder Zeit den roten Faden und alle zehn Songs hören sich nach Phish an. Auch, und gerade weil nur einer von ihnen Überlänge – “Time Turns Elastic“ mit gut 13 Minuten – hat und der Rest sich zwischen zwei und fünfeinhalb Minuten bewegt. Songkonzentrat mit 100% Phish (oder so ähnlich).
Lillywhite lässt die Songs schön hell, und trotzdem trocken, auf uns los. Zwei Sekunden von Trey’s Gitarre bei “Stealing Time From The Faulty Plan“ und man fühlt sich sofort zuhause. Zusammen mit Tom
Marshall betextete der Rotschopf sieben der zehn Tracks. Es gibt kein überflüssiges Fett, die Band wird 25 und hat viel erlebt. So wie all ihre Fans, die sie über die Jahre begleitet haben. Das hört man vor allem in den Lyrics. Das 14. Studioalbum der Band aus Vermont hat Jams, Rock und Lyrics – alles auf Augenhöhe. Der Albumtitel verrät wohl das Rezept: FREUDE.

“Joy“ funktioniert wie eine Zeitmaschine. Das Album ist der perfekte Nachfolger von “Billy Breathes“. Wäre es bereits 1998 erschienen, wäre das verpasste Konzert in Alpine Valley noch tragischer. Jetzt kann ich dahinter aber endlich einen Haken machen und, was Phish betrifft, nach vorne schauen und die Daumen drücken, dass ihre Reunion die Band auch wieder nach Europa führen wird. Hoffentlich dann mit vielen Songs von “Joy“, dem bis dato zweitbesten Phish-Album. Was langjährige Auszeiten nicht alles bewirken können.

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