Craig Finn – Clear Heart Full Eyes


Wer mich kennt weiß, dass ich ein riesiger Fan von The Hold Steady bin. Wenn ich schlecht drauf bin gibt es für mich nichts schöneres, als ihren Indie Rock mal so richtig aufzudrehen und womöglich noch lautstark mitzusingen: „Whoahoho, we gotta stay positive!“ Da ihre letzte Veröffentlichung aber mittlerweile auch schon wieder fast zwei Jahre her ist, habe ich mich natürlich besonders gefreut zu erfahren, dass Leadsänger Craig Finn ein Soloalbum herausgebracht hat.

Böse Zungen behaupten ja, dass auf Clear Heart Full Eyes die Ausschussware versammelt ist, die Finn mit seiner Band nicht bringen kann, vor allem, da das Album insgesamt eher ruhig ist. Das stimmt so nicht: Erstmal sind die versammelten Songs besser als Ausschussware und viele der besten Sachen von The Hold Steady sind ruhig, wie zum Beispiel ’First Night’ oder ’Lord, I’m Discouraged’. Nichtsdestotrotz geht Finn mit diesem Album musikalisch in eine andere Richtung: Zum einen gibt es bei vielen Songs einen leichten Country-Einschlag, der so bei The Hold Steady nicht zu finden ist, zum anderen stellt Finn die Texte in den Vordergrund, sodass man mitreißende Melodien mit hohem Mitgröhlfaktor vergebens sucht.

Der Opener ’Apollo Bay’ hat etwas Surreales, Alptraumhaftes: Die verzerrte E-Gitarre dröhnt zur schwelgerischen Pedal Steel und echoenden Keyboardtönen, während Finn schon fast angestrengt singt: „My head was really hurting. I had to take it to Apollo Bay“. Ich gebe zu, dass ich den Song in erster Linie aus autobiographischen Gründen mag, da ich nämlich auch schon mal einsam und verlassen am Strand von Apollo Bay saß, aber auch, weil er die beiden zentralen Themen von Finns Werk vereint: Gott und, ich sag mal, Menschen, die etwas neben der Spur sind. „All twelve apostles can’t be seen from the shore.“, singt Finn und spielt dabei sowohl auf die berühmte Felsformation als auch auf die religiösen Figuren an.

Überhaupt ist die Religion, in diesem Fall der Katholizismus, auf Clear Heart Full Eyes noch präsenter als auf den Alben von The Hold Steady. Wer jetzt tumbe „Jesus loves you“-Hymnen befürchtet, den kann ich beruhigen: Finn ist zwar gläubig, aber kein Missionar. In ’New Friend Jesus’ verfügt er sogar über einen ziemlich schwarzen Humor, so verteidigt er die mangelnde sportliche Begabung seines göttlichen Kumpels, da es ja ziemlich schwer sei, ein guter Sportler zu sein, wenn man Löcher in den Händen hat. Ohnehin wirkt der wiedererweckte Protagonist des Songs eher bemitleidenswert als cool.

’New Friend Jesus’ ist nur ein Beispiel dafür, was für ein großartiger Storyteller Finn ist. Viele seiner Figuren sind kaputt, verloren, Außenseiter, aber dennoch irgendwo liebenswert, außer vielleicht der Typ in ’When No One’s Watching’, der den Frauen reihenweise Versprechungen macht und sie dann doch enttäuscht: „A weak man living off weaker women.“ So sehr hat Finn sich also nicht von dem Werk seiner Band verabschiedet, und manch ein Song wie ’No Future’ könnte auch auf einem Hold-Steady-Album zu finden sein.

Auch wenn Clear Heart Full Eyes einen vielleicht nicht so unmittelbar mitreißt wie die Alben von The Hold Steady lohnt es sich doch, sich damit zu beschäftigen. Wenn es nach mir geht, kann Craig gerne noch viel mehr Alben aufnehmen, wenn seine Band mal wieder eine Pause einlegt.