Matthew Ryan – Dear Lover



Kunst ist, wenn man trotzdem weitermacht. Nach diesem Motto legt der begnadete Songwriter Matthew Ryan seiner kleinen Fangemeinde seit fast fünfzehn Jahren regelmäßig sehr gute Alben vor die Füße. All dies unabhängig vom mittelmäßigen Erfolg und den damit verbundenen finanziellen Engpässen. Sein neues (zählt eigentlich noch jemand mit? Es müßte das zwölfte sein.) Soloalbum ist dabei keine Ausnahme.

Beim neuen Album wäre es fast wieder mit der Finanzierung knapp geworden. Nach unzähligen Labelwechseln (der Vorgänger erschien noch bei One Little Indian und wurde sogar in Deutschland vertrieben) setzt Ryan nun auf den Eigenvertrieb und Heimaufnahmen. Musikalisch blieb er sich jedoch selbst treu und liefert im Gegensatz zur letzten Homerecording Platte, dem düsteren „Happiness“, ein schick hochpoliertes Album ab. Dieses beginnt mit dem treibenden Elektrobeat der ersten Single „City Life“ und dem eingängigen Titeltrack, der in die typisch dreckigen E-Gitarren getränkt wird und an die lauten Americana-Wurzeln des Musikers erinnert. Kurz darauf folgt die wundervolle Nummer „Some Streets Lead Nowhere“, die Ryan dank einer US-Serie sogar so etwas wie einen kleinen Erfolg einbrachte. Bewegend intim ist hier bereits das Zusammenspiel von Gitarre und Klavier, zu dem sich Matthew Ryans raue Stimme gesellt. Ein weiteres großes Meisterstück ist dem Songwriter mit „Your Museum“ gelungen. Einem ruhigen Song, der im Refrain mit einigen Streichern geschmückt wird.

Dass Matthew Ryan auch elektronischen Klängen gegenüber aufgeschlossen ist, hat er auf den vergangenen drei Alben oft genug bewiesen. Auch auf „Dear Lover“ finden wir eine gesunde Portion Elektrobeats und Hintergrundklanglandschaften. Mit Spark schießt er jedoch deutlich über das Ziel hinaus. Der Song klingt so, als hätte ein semiprofessioneller Knöpfchendreher (in dem Fall DJ Spark) einen halbrohen Ryan-Song verhunzt. In Deutschland denkt man hier wohl eher an Modern Talking Eurotrash. Und fast schon so, als wenn er den Patzer wiedergutmachen wollen würde, setzt er kurz darauf mit „The World is…“ einen wunderschön reduzierten Song an den Abschluss seiner Platte.

„Dear Lover“ ist eine der letzten Winterplatten dieses Winters und zugleich auch eine der schönsten. Er kann es Gott sei Dank einfach nicht lassen.
[Sebastian Jegorow]

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