Nils Frahm – Wintermusik



Mit dem Ende des Novembers kündigt sich langsam wieder die Winterzeit an – und damit verbunden auch all ihre charakteristischen Erscheinungen. Dabei denkt man an ausgedehnte Spaziergänge in malerischen Landschaften, an dicht bewachsene Nadelwälder, deren Geäst sich unter der Last der weißen Pracht beugt. An kalte, reinigende Luft und an den eigenen Atem, der in ihr sichtbar wird. Vor allem aber begleitet die kälteste der Jahreszeiten immer – vorausgesetzt es fällt genügend Schnee – eine gewisse entstandene Homogenität und Simplizität.

„Wintermusik“ ist der Titel eines atmosphärisch aufgeladenen, experimentellen Albums des Ausnahmepianisten und Komponisten Nils Frahm, welches auf dem Label „sonic pieces“ veröffentlicht wird. Neben Klavierunterricht, den Frahm bei Nahum Brodski, einem der letzten Schüler Tschaikowskys erhält, entdeckt er Jazz, Pop und Minimal Music für sich, was sich bei ihm einerseits in Form von Improvisationsteilen und andererseits in Kompositionsfragmenten widerspiegelt.

Nicht nur die klassischen Bilder, die man mit dem Winter verbindet, welche sich beim Hören dieses Werkes der zeitgenössischen Klassik auftun, sondern auch die angesprochene Einfachheit machen die im Juni 2009 erschienene Platte zu etwas Zeitlosem und Schönem. Da erscheint es passend, sie jetzt im November wieder hervorzukramen. Ebenso stimmig ist auch die Tatsache, dass sie ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für Frahms Freunde und Familie fungieren sollte.

Die 3 Titel, die reine Pianostücke darstellen, kennzeichnet eine feine Melancholie, die in „Ambre“, dem ersten, 4-minütigen Track ihren Anfang nimmt. Wegen der relativ einfachen Melodiefolge zu Beginn mag der Skeptiker möglicherweise ersteinmal noch wenig beeindruckt sein. Bei genauerem Hinhören jedoch nimmt man nach und nach mehrere interessante Aspekte wahr: Hier ein sanftes Ausatmen, dort ein weiches Treten auf die Pedale und ganz plötzlich: Das unaufdringliche Glockenspiel einer Celesta, das sich sanft in die Komposition wie das Fallen erster Schneefocken in eine gerade aufblühende Winterlandschaft einfügt. Das zentrale Stück „Tristana“ nimmt diese Stimmung auf. Neben Piano und Celesta kommen nun die Klänge eines Harmoniums hinzu, welches auch den ein oder anderen bedrohlichen Moment in dem harmonisch-konzipierten Werk erzeugt – man sieht mitunter die gefahrvollen Seiten des Winters vor dem geistigen Auge: Die erdrückende Schwere der weißen Schneemassen, frühe Düsternis und kahle Landschaftsbilder. Die Präsenz von positiven sowie negativen Komponenten bzw. Stimmungen zeigt, dass eine Essenz des Werkes die Synthese ist, in dem man vor allem durch die hochwertige Klangqualität Frahms Beeinfussung durch das Plattenlabel ECM spürt.

„Nue“ bildet dann das passende Gegenstück zu dem Intro-Titel „Ambre“ – und unerwarteterweise wird am Ende einfach abgebrochen. Die übereinander liegenden Tonfolgen des Harmoniums nehmen plötzlich immer mehr ab, kommen dann nur noch vereinzelt vor und verschwinden schließlich komplett. Der Künstler verlässt die Szene, tritt scheinbar ganz hinter sein Werk zurück und lässt den Hörer mit den Eindrücken, die es hinterlässt, alleine. Dieser abrupte Abschluss wirkt – denn ein offenes Ende wie hier hat immer die Funktion, den Betrachter, Leser – oder in diesem Fall Hörer – zum Nachdenken anzuregen und dem Geschaffenen eine ganz eigene Lebendigkeit, eine Eigenständigkeit zu verleihen.

„Wintermusik“ besticht durch Sanftheit, Simplizität und die Synthese verschiedener Stimmungen, untermalt von sich leise einschleichenden, aber niemals aufdrängenden Geräuschen. Ein rascher Luftzug, ein sanftes Atmen oder Flüstern – die Bilder, die im Kopf entstehen, sind das Ergebnis dieser nur minimalen Einfüsse. Nils Frahm hat hier eine gelungene und eindringliche Komposition geschaffen, die auf kommende kalte Tage perfekt einstimmt.
[Bärbel Scherf]

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