John Griesemer – Herzschlag


Ein Mann fällt in ein Koma und verpasst ein tragisches Ereignis, das die Welt verändert. Nein, hier stellen wir nicht Danny Boyles Zombie-Meisterwerk “28 Days Later” vor, sondern John Griesemers Roman zu den Ereignissen am 11.09.01.

Die Literatur zu den Anschlägen auf das World Trade Center hat bereits eine längere Tradition. Wenige Monate nach dem Ereignis erschienen bereits die ersten Beiträge, Essays und Kurzgeschichten, die sich mit dem Ereignis auseinandergesetzt haben. Denker wie Baudrillard oder Susan Sontag setzten sich intensiv mit dem Attentatt auseinander. Kurze Zeit später folgte mit Frederic Beigbeders provokanten “Windows On The World” einer der ersten Romane. Meist ist die Literatur zu 9/11 vom Versuch der Schriftsteller geprägt, es mit dem Massenkonsum der Bilder aufzunehmen. Was kann die Literatur zu einem tragischen Ereignis beitragen, dass bis zum Erbrechen visuell verarbeitet wurde. Einige beeindruckende Umsetzungen kommen von Jonathan Safran Foer und Don Delillo, die sich beide auf Ihre Art die visuellen Mittel aneignen. Doch was passiert, wenn das Ereignis ausgeblendet wird, indem der Protagonist das Ereignis schlicht verschläft oder wie in John Griesemers Roman “Herzschlag” kurz zuvor in ein Koma fällt?

Die Grundidee und Ausgangssituation des Romans ist ein genialer Einfall. Der Theaterschauspieler
Noah Pingree erleidet einen Schlaganfall und erwacht wenige Tage nach dem 11.09.01. Der Roman verfolgt Noahs Weg zurück zum Leben. Begleitet wird er dabei von seiner Mutter und der Schauspiellehrerin Dorthea Holtz. Noahs Reaktion auf die Bilder von 9/11 ist eine Art von Eskapismus. Noah Pingree beschäftigt sich dabei intensiv mit seiner Vergangenheit und seinem Gedächtnis. Im Laufe des Romans rückt die Theaterszene, in der Noah zuhause ist, immer mehr in den Vordergrund. Wir lernen unzählige interessante Figuren kennen und die Vergangenheit des Protagonisten wird hier
langsam entfaltet.

Als sensible Milieustudie erinnert der Roman ein wenig an Siri Hustvedt Erfolgsroman “What I Loved”. John Griesemers Vergangenheit als Schauspieler half dem Autor sicherlich. Zugleich wird an den Rändern der Erzählung immer wieder klar wie sich die Welt, in der Noah Pringe aus dem Koma erwacht, verändert hat. Griesemers beeindruckender Beitrag ist einerseits eine frische Idee und zugleich steht der Roman durch die Auseinandersetzung mit dem kollektiven und persönlichen Gedächtnis in der Tradition der 9/11 Literatur. Es sei noch erwähnt, das der Roman in Griesemers US-Heimat erstaunlicherweise noch immer keinen Verleger fnden konnte. In Deutschland erschien der Roman vor einigen Monaten beim Arche Verlag. Warum der Autor in Amerika abgelehnt wurde bleibt ein großes Rätsel, da dies hier einer der interessantesten und wichtigsten Romane der letzten Jahre ist.

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