Nirvana – Live At Reading



Im August 1992 war ich gerade mal 13. Vor ein paar Monaten fing ich so richtig an mich für Musik zu interessieren, den ersten CD-Player gab’s zum Geburtstag und die unangefochtene Lieblingsband hieß Nirvana. Ein Trip zum Reading-Festival, um die Idole live zu sehen, war utopisch und wahrscheinlich wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal was und wo Reading überhaupt ist.

Nach dem Auftritt bekam man aber so einiges mit, selbst wenn man nicht dabei war oder erst Jahre später die Einzelheiten des Auftritts nachlesen würde. Cobain ließ sich mit Perücke und im Rollstuhl auf die Bühne schieben, er inszenierte sich und seine Band, die vor Kurzem durchs sprichwörtliche Dach knallte. In Krankenhausgarderobe und mit einem unfreiwillig komischen Tänzer an ihrer Seite wuchteten sich Cobain, Grohl und Novoselic durch ihr Set. Fotos und Geschichten von diesem 30. August 1992 sah und hörte man danach viele. 25 Songs und eine Band auf ihrem Höhepunkt. Universal veröffentlicht das legendäre Konzert nun auf CD, DVD – hierauf bezieht sich dieser Text –und Vinyl.

Endlich gibt es den Reading-Auftritt also in vorzüglicher Bild- und Tonqualität – als minderwertiger Bootleg kursiert er in Fankreisen schon lange. Farbtechnisch wurde restauriert und der 5.1. Surround Sound wirkt frisch, knackig und im wahrsten Sinne des Wortes lebensecht. Hits wie “Sliver“, “Lithium“, “In Bloom“ und das obligatorische “Smells Like Teen Spirit“ hat das Trio an diesem Abend ebenso im Gepäck, wie die noch unveröffentlichten Nummern “Dumb“, “Tourette‘s“ und “All Apologies“ oder kleine Raritäten wie “Spank Thru“, das Wipers-Cover “D-7“ und die krachende Neuinterpretation von “The Money Will Roll Right In“ (Fang).

Ironische Selbstinszenierung kann man das durchaus nennen, was Kurt Cobain an diesem 30. August betreibt. In der Presse wimmelt es nur so von reißerischen Gerüchten um seine Zukunft und die der Band. Courtney Love ist die Yoko Ono der Generation Grunge und sowieso wird Cobain nie im Leben 30 – wie richtig manche dieser Vermutungen waren, würde man gut eineinhalb Jahre nach dem Reading-Auftritt sehen. Die Liebeshymne, die der Nirvana-Frontmann auf seine Frau anstimmt und das Publikum zum Einstimmen nötigt, ist ebenso überflüssig und traurig wie legendär und ohne Alternative. Auch wenn Tausende von Menschen an seinen Lippen kleben, Cobain wirkt einsam.

Nirvanas Contemporaries Alice in Chains und Pearl Jam veröffentlichten vor Kurzem neue Alben, seitdem ist der Begriff Grunge wieder in aller Munde. Die Neuigkeiten aus dem Nirvana-Lager beschränken sich auf Werke aus ihrer Blütezeit. “Bleach“ wurde kürzlich delüxiert wiederveröffentlicht und “Live At Reading“ zeigt, was für eine fantastische Liveband Nirvana sein konnten. Wer sie damals verpasst hat, sollte zugreifen. Und wer dabei war, wird sowieso wissen, warum er oder sie hier zugreifen muss. Nirvanas angeblich letztes Konzert erfährt nun endlich eine ihm würdige Veröffentlichung.

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