Pearl Jam @ Wühlheide, Berlin



Bevor am 18. September das mittlerweile neunte Studioalbum von Pearl Jam erscheint, begeben sich die Mannen um Eddie Vedder noch ix für einen kurzen Abstecher auf fünf europäische Bühnen. Nach einer intimen Show in London und dem eigentlichen Mini-Tour-Auftakt in Rotterdam, steht an einem herrlichen Augustabend die Berliner Wuhlheide auf dem Programm.

Für rund 17.000 begeisterte Fans ist an diesem Tag nicht die beginnende Leichtathletik-WM die Hauptattraktion in unsere Hauptstadt, nein, es ist eine Band, die seit fast 20 Jahren für harten, handgemachten Rock’n’Roll steht. Von Anfang an nimmt der Fünfer aus Seattle keine hadernden Gefangenen und heizt den Besuchern der ausverkauften Kindl-Bühne in der Wuhlheide kräftig ein. Vor der Bühne geht es rund, wie schon seit Langem nicht mehr. Der mit “Why Go“, “Hail, Hail“, “The Fixer“
und “Corduroy“ äußerst rockige Seteinstieg sorgt dafür, dass die Ordner im Graben alle Hände voll zu tun haben und etliche – speziell weibliche Fans – nach dem Rausziehen auf eine erneute Platzsuche gehen müssen.

Kleine Verschnaufpause nutzt der, passend zum Wetter, in kurzen Hosen aufgelaufene Frontmann Eddie Vedder um Ansagen in der Landessprache unterzubringen und bewundernd in das ausgefüllte Halbrund vor ihm zu schauen. Früh wird klar, wie gut die Band an diesem Abend drauf ist. Ungeheuer energisch wird auf der Bühne zu Werke gegangen und seltene Gäste in einer Pearl Jam-Setliste (im Main-Set z.B. “Nothing As It Seems“, “Untitled“, “Light Years“ oder “Glorified g“) lassen die Raritätenquote im Vergleich zu Rotterdam bereits nach zehn oder zwölf Songs in äußerst solide
Dimensionen vordringen. Zeitweise geht es in den vorderen Publikumsreihen sogar so munter zu, dass Vedder sich dazu veranlasst, sieht einzuschreiten. In Form einer Ansage, alle sollen doch bitte auf sein Kommando drei Schritte zurück machen, schüttet er ein paar stark benötigte Eiswürfel in die durch die schnellen und harten Songs aufgeheizte Menge.

Auch die Zuschauer auf den Sitzplätzen – wobei natürlich auch dort spätestens seit “Why Go“ niemand mehr sitzt – applaudieren und nicht wenige denken in diesem etwas unwirklichen und gespenstischen Moment an das Unglück in Roskilde vor neun Jahren. Nachdem nun also wieder etwas mehr Ruhe in die Angelegenheit gekommen ist, soliert sich Lead-Gitarrist Mike McCready beim phänomenalen “Even Flow“ den Wolf, Jeff Ament und Stone Gossard geben die wohldosierten Rhythmusgeber, Matt Cameron den nicht müde werdenden Volldampfdynamo und Vedder hat seinen Spaß mit sich, seinen Kollegen und allen voran dem prächtig aufgelegten Publikum. Die Weinlasche wandert, der Mikroständer liegt, wie in den frühen 90ern und die Erkenntnis wächst, das Pearl Jam immer noch die vielleicht einzige Rock-Band des Planeten sind, die es schaffen ein mittelgroßes Stadion in einen gefühlten Mini-Club zu verwandeln.

Die Zugabenblöcke stellen anschließend alles in den Schatten, was die Band bei ihren beiden letzten Berlin-Besuchen in den Jahren 2000 und 2006 im Ärmel hatte. Das nur von Ament und Vedder vorgetragene “Bee Girl“ ist schon eine große Überraschung, “Hard To Imagine“ dann der absolute Höhepunkt. Wer am Anfang des Songs um sich herumguckt, sieht zuerst viele offene Münder und kurz darauf euphorische Jubelschreie. Und was “Hard To Imagine“ für den Hardcore-Fan ist, ist sechs Minuten später “Alive“ für den Otto-normal-Anhänger. Hunderte von Armen und Fäusten recken sich in die Luft, eine der besten Versionen des Gassenhauers, die ich seit Langem gehört (und gesehen) habe.

Weder die Herrschaften auf der Bühne, noch die aus aller Herren Länder angereisten Zuschauer wollen, dass dieser Abend endet. “Faithfull“ spielt man auf Wunsch, “Sonic Reducer“ mit unbändigem Nachdruck, Neil Youngs “Rockin‘ In The Free World“ für Berlin und das Schlusslicht, “Yellow Ledbetter“, mit einer Träne im Knoploch, vom Schweiß völlig nass gewordenen Klamotten und einem ganz, ganz dicken Grinsen auf dem Gesicht. Um es in der Terminologie der Leichtathleten zu sagen: Pearl Jam und ihre Fans waren an diesem Abend auf den Punkt it! Vor ungefähr 14/15 Jahren waren Pearl Jam die vielleicht größte Band des Planeten. Jeder, der mit Rockmusik etwas anfangen konnte, kaufte sich ihre Platten und wollte unbedingt auf ein Konzert. Dementsprechend hitzig ging es mitunter zu.

Diese durch Mark und Knochen gehende, und von Musik verursachte, Hitze, spürte man auch an diesem Abend in Berlin. Obwohl sie nie weg waren, sind Pearl Jam selbst für viele Fans, die in den letzten Jahren viele Shows der Mannen aus Seattle besucht haben, nach diesem denkwürdigen Auftritt in Berlin wieder da. Pearl Jam haben das Ursprüngliche wieder für sich entdeckt und feierten zusammen mit ihren Fans frei nach dem Motto: Party like it’s 1995! Die Energie von damals und die Entspanntheit des Alters machen Pearl Jam zu einem Live-Act, den man auch 2009 einfach gesehen haben muss.
[Sascha Knapek]

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