Pearl Jam – Backspacer 1



Pearl Jams mittlerweile neuntes Studioalbum “Backspacer“ ist nun seit gut zwei Wochen auf dem Markt und zu sagen, dass über die elf darauf enthaltenen Songs viel geschrieben wurde, wäre die Untertreibung des Monats. Die Rezeption großer Rock-Bands scheint in den weltweiten Kulturredaktionen oft ähnlich abzulaufen. In Zyklen findet man dann mal wieder ein Album großartig, nachdem die zwei bis drei Vorgängerplatten zu „sperrig“, „kopflastig“, „ausgebrannt“ oder einfach nur „langweilig“ waren.

Beispiele dafür gab es da allein in diesem Jahr schon genug. U2 wurden mit ihrer neuen Scheibe allseits in den Himmel gehoben und die Dave Matthews Band (DMB) erntete für “Big Whiskey And The GrooGrux King“ fast nur Lobeshymnen. Schuld daran ist der besagte Zyklus. Das U2-Werk ist nämlich mindestens genauso schlimm wie das meiste, was die Herren nach “Achtung Baby“ auf uns losgelassen haben und die neue DMB-Platte kämpft zusammen mit den elenden “Everyday“ und “Stand Up“ darum, die katastrophalste Langrille der einstmals so erfrischend „anders seienden“ Band zu sein.

“Backspacer“ ereilte das gleiche Schicksal. Was wurde über die elf Songs in den letzten Wochen nicht alles geschrieben. Die Rückkehr zur “Ten-Ära“ sei das Album, die eindringlichsten Vedder-Balladen seit fünfzehn Jahren würde es enthalten, die legendärsten Hymnen seit “Alive“ und endlich, endlich, endlich wieder herzhaften Rock’n’Roll. Wer so etwas schreibt (und am Ende eventuell sogar noch ernst meint!) hat mit Pearl Jam entweder noch nie viel am Hut gehabt, möchte den Fans der Band durch die Hintertür eins auswischen oder hat schlichtweg den Kopf im Arsch stecken. Der einfach nur banale Vergleich mit dem Debüt hinkt nicht nur, er fliegt nach einem halben Schritt bereits auf die Schnauze. Wer auf “Backspacer“ den Rock findet, den er oder sie angeblich seit “Vs.“ oder “Vitalogy“ vermisst, hat entweder kein Album danach gehört, oder lässt das einfach unter den Tisch fallen, um die „Auferstehung“ dieser großen Band schön plakativ und reißerisch in Szene zu setzen.

Pearl Jam setzen mit ihrem neuen Werk weder zum Sprung in die mittleren 90er an, noch rocken die ohne Frage vorhandenen Derwischnummern härter, als es vergleichbare Tracks auf den (in den letzten Wochen) gerne heruntergeschriebenen Großtaten “Binaural“ oder “Yield“ getan haben. Pathos, Superlative und geisteskranke Absurditäten muss man beim Thema “Backspacer“ in der Schublade lassen. Erstens tut man damit nämlich dem gesamten Backkatalog der Band Unrecht und zweitens lenkt es einfach nur von Sinn und Zweck von “Backspacer“ ab. Gerade weil es sich nämlich spürbar vom ganzen Pearl Jam-Rest unterscheidet und anders sein will, ist es eine gute Platte geworden. Wer hier meckert – wie ich –, meckert auf sehr hohem Niveau. Und das Tolle daran? Ich weiß das sogar.

Wer nur die ersten drei Songs der Platte gehört hat, kann den vielen Lobhudeleien sogar zustimmen. “Gonna See My Friend“ kupfert geschickt bei Mudhoney ab, “Got Some“ hat auf Platte viel mehr Ecken, Kanten, Druck und Seele als bei Conan O’Brien und “The Fixer“ – insofern man es schon live miterleben durfte – ist hymnischer Pop, den Pearl Jam wirklich noch nie so gut hinbekommen haben wie hier. Soweit das Überdurchschnittliche.

Fällt “Johnny Guitar“ anschließend bereits etwas ab, ertrinkt “Just Breathe“ in unnötig-kitschigen Streichern und kann leider nicht an den grandiosen Vedder-Soundtrack zu “Into The Wild“ anknüpfen. Ähnlich wie das zweite Akustikstück auf “Backspacer“, “The End“, hat der Song etwas von einem Abzählreim. Das Ganze ist wenig originell und nur Lückenfüllermaterial. “Amongst The Waves“ braucht danach ein paar Durchläufe, aber es wird, genauso wie “Unknown Thought“, zu einer mehr als brauchbaren Pearl Jam-Nummer. McCready ist leider zu leise abgemischt, aber dafür überzeugen Vedders Vocals. Feine Mid-Tempo-Knaller.

Eigentlich sollte Produzent Brendan O’Brien wieder an den Sound anknüpfen, den er Pearl Jam in den 90ern auf den Leib schneiderte. Trocken, unvorstellbar weit und im Kern trotzdem immer greifbar. Leider beschränkte er sich auf “Backspacer“ auf eine – durchaus angemessene – Pop-Produktion, die es nicht schafft auch den langweiligen Stücken unvermutetes Leben einzuhauchen. “Supersonic“ ist ein schlechter Ramones-Witz, “Speed Of Sound“ ein völlig unnötiger Coldplay-Moment und “Force Of Nature“ hätte das Zeug zu einer glorifizierten B-Seite gehabt. Als gewöhnlicher Album-Track ist er (auf Platte) zu konform um nachhaltig begeistern zu können.

“Backspacer“ ist weder die Wiedergeburt von Pearl Jam – die Band war nie weg, liebe Reißerschreiberlinge –, noch beerdigt sich hier jemand selbst. Bis dato ist die Platte, simpel gesagt, die unkomplizierteste Pop-Annäherung, die Pearl Jam sich bisher aus dem Kreuz geleiert haben. Die starken Nummern (“Gonna See My Friend“, “Got Some“, “The Fixer“) werden mit der Zeit weiter wachsen und die eher belanglosen Momente (“Just Breathe“, “Supersonic“ oder “Speed Of Sound“) werden leise verschwinden. Alles also kein Grund, um wegen dieser knapp 37 Minuten ungeheure – im positiven wie im negativen Sinne – Fässer aufzumachen. “Backspacer“ ist kein Überalbum und es ist kein Totalausfall. Es ist ein Pearl Jam-Album, und gewisse Grenzen werden da einfach nicht mehr unter- oder überschritten.
[Sascha Knapek]


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Ein Gedanke zu “Pearl Jam – Backspacer

  • Anna

    Schöner Text. Ich verfolge die Geschichte um PEarl Jam nun seit Vitalogy und mit der Band einmal mehr zufrieden. Ein gutes Album, bei dem mir persönlich 2 oder 3 ruhige Knüller fehlen.