Tiny Vipers – Life On Earth



Tiny Vipers aus Seattle spaltet unser Team. Während Sascha die Platten der Musikerin vermutlich bei „Records To Skip“ unterbringen würde, habe ich in „Life On Earth“ nach ca. 60 Durchgängen den erwarteten Favoriten auf das Album des Jahres ausgemacht. Dieses Album zu rezensieren, ohne in Birkenstock-Esoterik abzudriften, ist jedoch ein schwieriges Unterfangen.

Neben ihrer Songwriter-Platten versucht sich Jesy Fortino alias Tiny Vipers ebenfals an experimentellen Field Recordings (aktueller Release „Empire Prism“). Diese teilen trotz aller Differenzen mit den Folksongs einen ausgeprägten Hang zu minimalistischen Strukturen und düsteren Stimmungsbildern. So steckt „Life On Earth“ voller meditativer Kompositionen. Komplexe repititive Gitarrenpickings und der Gesang der 25jährigen sind fast die einzigen Bestandteile dieser Aufnahmen. Lediglich an den Rändern greift Jesy Fortino bei drei Nummern auf düstere Hintergrundgeräusche ihres Synthesizers zurück, den sie einst im Straßengraben fand. Wie bereits beim Vorgänger „Into The Void“ schweben die Songs in einem großer Raum voller Hall und Leere. Die Wut und rohe Kraft ihrer Debüt-CDR weicht hier wieder einer düsteren Stimmung. Auch die Texte verzichten auf jegliche Referenzpunkte und wirken wie abstrakte Stimmungsbilder. Die Zeilen „I’m going to live, but I’m living far away. /I’m going to die. I’m dying for a way out.“ treffen all dies wohl am besten.

„Eyes Like Ours“, „Dreamer“, „CM“ und das 10 Minuten lange „Life On Earth“ sind die ganz großen Glanzstücke dieser außergewöhnlichen Platte, die zunächst den Kopf ansteuert und später das Herz überflutet. Hier zeichnet Jesy Fortino wie eine Göttin labyrinthische Landstriche auf eine leere Erdkugel und gleitet voller Eleganz von einem Ton zum nächsten. Gerhard Richters Seestücke fallen einem hier als einzige Referenz ein. Ein Blick in die Ewigkeit und die Gleichgültigkeit der Natur. Intelligent aufgeladene Topologie des Seins und l´art pour l´art zugleich. Erhaben. Dunkel. Still.

[Sebatian Jegorow]


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