Tori Amos – Abnormally Attracted To Sin



Die musikalischen Gesichter von Tori Amos haben viel Licht und ein wenig Schatten. Das stimmt, wenn man über die Jahre hinweg ein halbes Auge zukneift und ihr beachtliches Werk mit anderen Damen/Diven des weltweiten Popzirkus vergleicht. Gesanglich macht der 45-jährigen niemand etwas vor und so sind auch alle Darbietungen auf ihrem zehnten Studioalbum, “Abnormally Attracted To Sin“, eine laszive Offenbarung, nur die Nebengeräusche stören.

Ins Stocken gerät die aktuelle Amos-Platte bei all den Momenten, die ach so stylish und Laufsteg/Zeitgeist-like daherkommen. Im Booklet gibt es von Modefotografin Karen Collins geschossene Bilder, bei denen einem eher eine voll angezogene Dita Von Teese in den Sinn kommt, als die Frau, die mit “Under The Pink“ (1994) oder “Boys For Pele (1996)“ noch durch wundervolle Subtilität verzauberte. “Give“ ist gleich zu Beginn sicher alles andere als eine leichte Übung und Frau Amos ist stimmlich auch voll auf der Höhe, allerdings nerven die Loops von Matt Chamberlain und die Synthies der Hauptdarstellerin so sehr, dass sich die Nummer leider schnell abnutzt und einem auf den Geist geht.

Die erste Single “Welcome To England“ ist dagegen fast langweilig, taugt aber als Einstieg besser und versöhnt bis zu einem gewissen Grad. Allgemein ist “Abnormally Attracted To Sin“ ein verzwickter Irrgarten, der dich vom gerade gefundenen richtigen Weg (“Fire To Your Plan“, “Police Me“) sofort wieder in dunkle Fragezeichen (“That Guy“, “Abnormally Attracted To Sin“) lotst. Das Album dreht und wendet sich, man hat den Eindruck, dass sich Amos selbst nicht so ganz sicher ist, ob das alles so treffsicher ist, was sie da auf ihr neues Werk gepackt hat. Und mit 17 Songs ist das einiges, was der blond-rote Charakterschopf eingetütet hat.

Ein wenig anstrengend war Tori Amos schon immer. Offene Belehrungen und doppelt und dreifache Verschlüsselungen können schon an den Nerven zerren, wenn man sich nicht zur Fraktion der Hardcorefans zählt. Die leichteren Momente auf “Abnormally Attracted To Sin“ haben definitiv ihren Reiz, hier verzaubert uns die Songwriterin wiedermal im Handumdrehen und wir merken es noch nicht einmal. Was wir allerdings merken, ist die dröge Dunkelkammer-Ästhetik der schwächeren Songs. Und davon gibt es leider mehr als ein bis zwei.
[Sascha Knapek]

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