Scott Matthew – There Is An Ocean That Divides And With My Longing I Can Charge It With A Voltage That´s So Violent To Cross It Could Mean Death 1



Auf seinem zweiten Soloalbum fährt der Songwriter Scott Matthew ganz andere Geschütze auf. Angefangen beim Titel, der voll ausgeschrieben fast schon die Zeichengrenze unserer Artikel sprengt, über das großzügige Booklet, bis hin zur Queen-Reminiszenz auf dem Cover der Platte, grenzt das Artwork der Platte an Gigantismus. Doch nun kommt die gute Nachricht, denn in dieser pompös künstlerischen Schale steckt mal wieder ein kleiner bittersüßer Kern. Eine Platte, die das Siegel „Vorsicht zerbrechlich“ mehr als verdient hat.

Es beginnt mit der Magie einer verregneten Straße und der schönsten Anfragszeile seit Graham Langley mit „A trained dog is a happy dog“ das Savoy Grand Werk „Burn The Furniture“ einläutete. „Every sweet hello is a bitter goodbye“ singt Scott Matthew hier und hat den Hörer mit diesem Dosenöffner sofort gefesselt. Der Rest der Geschichte ist ein Triumphzug. „For Dick“ glänzt mit der unprätentiösen Dramaturgie, „Ornament“ mit der besten aller Pop-Wunderwaffen, einem eingängigen lalala, und bei „White Horse“ haben Streicher, Gitarren und Piano den Sex, den Filmkameras wohl nie einfangen können und menschliche Körper nur selten so ästhetisch hinbekommen. Angesichts dieses fesselnden Songmaterials fällt das neue Facettenreichtum und die saubere Produktion, für die wieder Mike Skinner (nein, nicht der bekehrte Esoterik-Hampelmann von den Streets) kaum auf. Doch warte erst wie die Geschichte weitergeht, denn nach dem fantastischen Doppelpack „Dog“ und „Community“ folgt der Titeltrack.

Zwischen der siebenundfünfzigsten und der achtundfünfzigsten – vielleicht auch neunundfünfzigsten – Sekunde dieses Songs kommt er, der entwaffnende Moment, den wir bei den kommenden Durchgängen der Platte mit zitternden Händen und einem wild pochenden Herzen erwarten werden. Es ist die Stimme Marisol Limon Martinez, die den Titel im Hintergrund immer wieder leise flüstert und damit die noch vorhandene Distanz zwischen dem Rezipienten und dem Produzenten mit einem Flüstern überbrückt. Kurz darauf stimmt die Japanerin Chie Tanaka mit ein. Diese leisen Sekunden erzeugen ein Knistern, Kribbeln, Funken, Aufflammen, Brennen und eine Intimität, die wieder der perfekten Score für einen John Cameron Mitchel Film sein könnte (an dem ja bereits gearbeitet wird).

Dass die zweite Hälfte der Platte in einigen Momenten abflacht und Matthew wie der FC Barcelona nach einem 4:0 das Ding auf seine Art sicher nach Hause fährt, ist da fast schon nebensächlich. Da dem einfallslosen Verfasser dieser Rezension die Superlative ausgehen, ist dies jedoch auch gut so. Doch halt. Einer muss noch sein. Denn vor dem verwirrend ausgelassenen „Thistle“, das mit einem- und jetzt heißt es festhalten – Lachen endet, wäre da noch „German“, und das ist schlicht ________. <– Bitte an dieser Stelle das passende Adjektiv selbst einsetzen. Der finale Ausruf „Make it beautiful now“ ist hier Programm.

„There is an ocean that divides and with my longing I can charge it with a voltage thats so violent to cross it could mean death“ (Luft holen und seufzen) ist nach den ersten Gehversuchen mit seinem Projekt Elva Snow und dem starken selbstbetitelten Debüt Scott Matthews frühes Magnus Opum. Ein wunderschönes Wiegenlied für traurige Kinder, die das Lächeln noch lange nicht verlernt haben.
[Sebastian Jegorow]


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