Pearl Jam – Ten (Deluxe Edition)


Pearl Jam - Ten

Mit irgendeinem Album fing es bei uns allen mal an. Die Hörspiele und den Hitparadenpop des einstelligen Eigenalters lässt man an einem bestimmten Punkt hinter sich und widmet sich – im besten Fall – größerem, nachhaltigerem Musikgut. In meinem Fall war dieses besagte Album, neben Nirvanas “Nevermind“, “Ten“ von Pearl Jam. Irgendwann 1992 erwischte ein paar Freunde und mich die Welle aus Seattle, wir setzten uns als frischgebackene – oder soon to be – Teenager in den Bus in die nächste größere Stadt und gingen schnurstracks in die damals noch zahlreich existierenden Plattenläden. Unser Objekt der Begierde: Ein eigenes “Ten“-Exemplar erwerben. Nur leider war das gar nicht so einfach…

Der Plattengott meinte es an diesem Tag leider nicht sonderlich gut mit mir und meiner nagelneuen Musikanlage (inklusive dem lang ersehnten CD-Player!). Ein ganzes Exemplar ließ sich in der gesamten Stadt auftreiben, die restlichen Läden vermeldeten „sold out“. Heute, 17 Jahre später, im Zeitalter der Internetbestellungen, Ebay und Amazon, mutet die Situation fast surreal an, aber die Auskunft, „da müsst ihr in ein bis zwei Wochen noch mal kommen“, war damals nichts Besonderes, wenn gewisse Tonträger nicht auf Lager waren und erst neu geordert werden mussten, oder man eventuell sogar auf einen Import angewiesen war. Der richtige Durchbruch von “Ten“ sollte noch ein paar Wochen dauern und da hatten die Läden, die CDs noch nicht in zwanzig- oder dreißigfacher Ausführung im Regal. Und die wenigen Exemplare, die man hatte, waren schnell weg.

Ein Freund kaufte dann die eine “Ten“, die wir auftreiben konnten und der Rest von uns überspielte sich das Album auf Kassette. Warten war nicht unsere Stärke. Man hat fast eine Träne im Knopfloch, wenn man daran zurückdenkt, „auf Kassette überspielen“, herrje. Aber ich schweife ab… Pearl Jam begleiten mich seit dieser Zeit wie ein guter Freund. Durch gute und schlechte Tage, durch die Schulzeit, durch den Zivildienst, durch das Studium. Mit der überspielten “Ten“-Kassette fing damals alles an. Wer also pure Objektivität – insofern das bei einer Rezension überhaupt möglich ist, was ich bezweifle – sucht, ist hier somit falsch. Meine Lieblingsband heißt Pearl Jam und im Folgenden findet ihr ein paar meiner Gedanken zur Wiederveröffentlichung eines für mich persönlich sehr prägenden Albums.

Fast 18 Jahre nach der Erstveröffentlichung von “Ten“ (am 27. August 1991) erscheint nun also eines der Alben erneut, die Anfang der 90er als Meilensteine des Genreungetüms ‘Grunge‘ in die Musikgeschichte eingegangen sind. Ungefähr zwölf Millionen Einheiten hat “Ten“ weltweit bislang abgesetzt und die Band aus Seattle feiert die erste Ausgabe ihrer Wiederveröffentlichungsreihe – bis 2011 sollen nach und nach alle Studioalben in ähnlicher Form folgen – mit vielen verschiedenen Editionen und reichlich exklusivem und neuem Material. Um kurz Licht ins Dunkel zu bringen, hier ein kleiner Abriss, welche Editionen es im Einzelnen gibt:
1. „Legacy Edition“ (Doppel-CD)
2. „Vinyl Edition“ (Doppel-LP)
3. „Deluxe Edition“ (Doppel-CD plus DVD)
4. „Collector’s Edition“ (Doppel-CD plus DVD plus 4LP plus MC plus sehr viel Memorabilia)
(Zur Rezension liegt uns ein Exemplar der „Deluxe Edition“ vor und darauf beziehen sich jetzt auch meine restlichen Ausführungen.) Pearl Jam - Ten

Jeder, der den bisher bekannten “Ten“-Sound kennt, wird bezeugen können, dass die von Rick Parashar produzierte Scheibe einen gewaltigen 80’s-Nebel hinter sich herzieht. Wer die Albumversionen mit ihren Livependents vergleicht, merkt, dass viel Raues und Direktes bei den Studioversionen unter den Tisch gefallen ist. Fans fragten sich schon lange, wie die Platte wohl klanglich daherkommen würde, wenn der langjährige Haus- und Hofproduzent der Band, Brendan O’Brien (u. a. verantwortlich für “Vs.“, “Vitalogy“, “No Code“ und “Yield“), sie produziert hätte.

Pearl Jam schien es ähnlich zu gehen, wie der eigenen Fangemeinde, und so beknieten sie O’Brien bereits seit “Vs.“-Tagen, die erste Platte noch einmal neu abzumischen. Es vergingen einige Jahre, bis der Produzent einwilligte, das Ergebnis findet man nun als “Ten (Redux)“ in jeder der vier neuen Versionen. Der Weichspüler flog aus dem Fenster, endlich hört man die Studioversionen so, wie sich die Band das schon 1991 gewünscht hätte. Greif in die Wundertüte und egal, ob du die treibenden Tracks “Why Go“, “Deep“ oder “Even Flow“, die sanften Stücke “Black“, “Release“ oder “Oceans“, oder die epischen Straßenfeger “Jeremy“, “Once“ oder “Alive“ herausziehst, das neue Soundkleid wird dich vom Hocker pusten. “Garden“ und “Porch“ werden gar von alten Bekannten zu neuen besten Freunden. Eddie Vedders einzigartige Stimme, McCreadys Soli, Gossards Riffs, Aments Groove und Krusens Druck – endlich hört man alles ohne störenden Hall und eine unnötig angezogene Handbremse.

Zur Vollständigkeit sei gesagt, dass eine remasterte Version der Parashar-Produktion ebenfalls beiliegt. Mehr als Nostalgie versprüht sie allerdings, mit dem erhabenen O’Brien-Mix an ihrer Seite, nicht. Bei den sechs Bonus-Tracks blitzen die Augen da schon eher. “Brother“ toppt als eine Art Grungezeitmaschine die US-Charts, die Demos von “State Of Love And Trust“ und ”Breath And A Scream” sind deutlich langsamer, als ihre ”Singles”-Pendents und “Just A Girl“, “2.000 Mile Blues“ und ”Evil Little Goat” sind der Zuckerguss, der den CD-Teil der „Deluxe Edition” abrundet. Schade nur, dass man ein paar Songs der “Ten“-Sessions (z. B. “Wash“, “Dirty Frank“ oder das Beatles-Cover “I’ve Got A Feeling“) anscheinend nicht mit auf diese Wiederveröffentlichung nehmen wollte.

Hat man die beiden “Ten“-Silberlinge hinter sich gebracht, wartet im edlen Pappschuber – mit einem vergleichsweise ultimativen Booklet! – dann noch eine DVD. Ich möchte nicht wieder mit einer Episode aus meinen frühen Teenagertagen anfangen, aber die ersten Ausstrahlungen dieser MTV Unplugged-Session waren für viele, mich eingeschlossen, damals eine Offenbarung. Akustisches Setting, rohe, ungefilterte Energie, Songs, die uns – auch wenn man vielleicht noch nicht jedes Wort verstand – aus dem Herzen sprachen. Das war neu, das war ehrlicher Rock’n’Roll, da wollte man ein Teil von sein. Endlich hat man die Aufnahme jetzt auch in bester – nicht-bootgelegter Qualität – in den Händen. Nur sehr bedauernswert, dass man den letzten gespielten Song, Neil Young’s “Rocking In The Free World“, nicht nur auf MTV damals nicht zeigte, auf dieser DVD fehlt er unglücklicherweise – und im Gegensatz zum hier enthaltenen und auf MTV ebenfalls nichts ausgestrahlten “Oceans“ – auch.

Nun gilt es ein Fazit zu ziehen. Eine lange Rezension ist es geworden, bei jedem, der bis zum Ende durchgehalten hat, bedanke ich mich deshalb schon einmal. Mir fallen auf Anhieb wenige Alben der letzten 20 Jahre ein, die eine derartig aufwendige Nachbereitung mehr verdient hätten, als “Ten“. Der opulente Rahmen und die detailgetreue und liebevolle Ausstattung der verschiedenen Editionen wird der Legende “Ten“ gerecht. Pearl Jam haben als eine der wenigen Grunge-Bands bis heute überlebt. Die Wiederveröffentlichung von “Ten“ ist für PJ-Fans und Sympathisanten der ersten Stunde ein Fest und eine Gelegenheit inne zu halten und an simplere Zeiten zu denken. Zeiten, in denen man sich Alben noch auf Kassetten überspielte, Zeiten, in denen CD-Player der aktuellste Stand der Technik waren, Zeiten, in denen die Musiklandkarte – wegen Bands wie Pearl Jam – neu kartografiert werden musste. Das passiert nicht oft und manche – zu denen ich mich durchaus dazuzähle – sagen sogar, dass es seitdem nicht mehr passiert ist. Wer damals nicht dabei war, hat heute dieses Re-Issue-Palooza, um Verpasstes nachzuholen. “Ten“, ein Teil äußerst lebendiger Musikgeschichte.
[Sascha Knapek]


Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

0 Gedanken zu “Pearl Jam – Ten (Deluxe Edition)