Virginia Woolf – To The Lighthouse 1


Die Erfahrung einen Virginia Woolf Roman zu lesen gleicht bei fast jedem Werk einem Wandel vom ersten Eindruck der Langeweile (Pain In The Ass) hin zur völligen Entzückung. So auch hier. Im Mittelpunkt von “To The Lighthouse” steht das Ehepaar Ramsey. Der intellektuelle Philosoph Mr. Ramsey, der stets nach Selbstbestätigung sucht, und die perfekte Gastgeberin Mrs. Ramsey, die in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau aufgeht und im Sommer stets Gäste einlädt. Der Roman, der aus drei Kapiteln besteht, läßt sich wohl am besten als ein Before & After beschreiben. Das ca. 100 Seiten lange before erstreckt sich zeitlich über einen einzelnen Nachmittag, an dem nicht viel passiert.

Eine Frau malt das Bild einer Mutter, hier gehen Menschen spazieren oder einkaufen und dort treffen sie sich beim gemeinsamen Abendessen. Im dritten Kapitel, dem after, malt die Künstlerin nach zehn Jahren ihr Bild zuende und die übrig gebliebenen Familienmitglieder fahren zum Leuchtturm. Ende.

Und das Kapitel dazwischen? Das ist die Zeit dazwischen. Ein Kapitel, das Viriginia Woolf in ihrem Tagebuch auch mit dem Mittelstrich beim Buchstaben H verglichen hat. Es erstreckt sich über zehn Jahre, in denen der erste Weltkrieg die Gesellschaft im Ganzen und einzelne Familien im Detail ändert. Familienmitglieder sterben hier in Klammern. Die Zeit, die im Vordergrund steht, interessiert dies jedoch nicht die Bohne. Sie vergeht.

So ist diese Geschichte konstruiert, die zunächst langatmig wirkt und am Ende sämtliche Fragen mit zwei Epiphanien beantwortet. Der Roman spielt auf einer Insel in den Hebriden, die im Gegensatz zu Woolfs “Mrs. Dalloway” so gar keine Bezugspunkte zu reellen Orten bietet. Während man bei “Mrs. Dalloway” akribisch jeden Schritt der Figuren durch die Straßen Londons nachverfolgen konnte, bleibt die genaue Topographie der autobiographisch geprägten Geschichte meist eine Unbekannte, die dem Roman, der voller anstreichwürdiger Passagen steckt, zum Ende hin einen mythischen Charakter verleiht. Beauty for the patient ones.


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Ein Gedanke zu “Virginia Woolf – To The Lighthouse

  • Andreas

    Sehr schön das Wesentliche erfasst. Ich finde jedoch, dass der dritte Teil des Buchs am schönsten ist. Insbesondere die Fahrt zum Leuchtturm selbst.