Ray Lamontagne – Gossip In The Grain


Was für eine Beziehung das siebte Jahr ist, stellt für einen Musiker das dritte Studioalbum dar: Zum ersten Mal wird man richtig auf die Probe gestellt. Klar, schon bei der zweiten Veröffentlichung zeigt sich, ob es sich lediglich um ein „One-Hit-Wonder“ gehandelt hat oder ob da vielleicht doch mehr dahinter steckt. Aber so oder so hat man noch Kredit.


Gute Musiker haben oft ein Repertoire von vielen Songs, an denen sie jahrelang gefeilt haben und die entsprechend ausgereift sind, so dass sie locker für zwei Alben reichen. Beim dritten ist dieser Fundus aber allzu oft erschöpft und so wird es heikel: Die Erwartungen sind hoch, zum ersten Mal überhaupt muss unter dem Druck veröffentlichen zu müssen, produziert werden. Die Kunst ist es dabei zu zeigen, dass man sich als Musiker weiterentwickelt hat, ohne aber das Eigentümliche des eigenen Stils zu verlieren. Die Fanbase muss zufrieden gestellt und gleichzeitig ein größeres Publikum erschlossen werden. Allzu oft führt das leider zu undurchdachtem Aktionismus und infolgedessen zum künstlerischen Ausverkauf. Und so ist die dritte LP der eigentliche Gradmesser für die Qualität eines Musikers. Das „verfixte dritte Album“ – für Ray LaMontagne war es Ende letzten Jahres so weit. Nach dem großartigen Debütalbum „Trouble“ und dem wundervollen „Till the Sun turns black“ ist nun „Gossip in the Grain“ erschienen.

Die gute Nachricht: Das Album ist okay. Die weniger gute: Es ist leider nur okay. Rays drückende, durch seine markante Stimme getragene Melancholie, die seinen Sound so entscheidend prägt, stellt auch in „Gossip in the Grain“, das erneut von Ethan Johns produziert wurde, das Hauptmotiv dar. Insofern bleibt alles beim Alten. Zwischenzeitlich blitzt aber auch ein erheblicher Hauch von Leichtigkeit auf. So startet das Album mit dem souligen „You are the best Thing“ erstaunlich dynamisch und mitreißend. Auch wenn das Tempo schon im zweiten Track („Let it be me“) erheblich gedrosselt und damit der Verdacht im Keim erstickt wird, Ray sei auf seine „alten Tage“ quietschf-
del geworden, ist es dieses Aufockern, das aufhorchen lässt und neugierig auf mehr macht. Bei der ansteck enden New-Orleans-Dixieland-Banjo-Klarinetten-Swing-Nummer „Hey me, hey Mama“ könnte man sogar fast meinen, Ray hätte tatsächlich Spaß gehabt.

Eigentlich sind es nur zwei von zehn Songs, die man tatsächlich als fröhlich bezeichnen kann. Es sind aber vor allem diese beiden, die im Ohr bleiben. In den weiteren Songs offenbart sich der bekannte Seelenschmerz, ohne den es einfach nicht Ray LaMontagne wäre. Songs wie „Sarah“ und „A falling through“ handeln von Nostalgie und Verlust und der Song „I still care for you“ steigt wie ein vom Wind getragenes Echo aus den Tiefen der inneren Abgründe herauf. Die Steel-Gitarre von Eric Haywood und der Backgroundgesang von Leona Naess haben dabei gewichtigen Anteil. Aus der Reihe fällt die Hommage an die White Stripes Drummerin Meg White. Der gleichnamige Song beginnt wie ein Spaghetti-Western mit einsamem Pfeifen bevor er plötzlich in den typischen Stampf-Beat des Garagenrock-Duos aus Detroit mündet. In der Mitte erinnert er dann an „Strawberry Fields forever“ von den Beatles. Diese stilistische Vielfalt ist exemplarisch für das gesamte Album, in dem sich R&B-, Rock-, Jazz-, Western- und natürlich Folkelemente mischen. Diverse Bläser, Streicher, Pianoklänge, Slackgitarre, Mundharmonika (mit einem satten „Train“-Intro zu „Henry nearly killed me“) und natürlich die akustische Westerngitarre prägen dabei das Klangbild.„Gossip in the Grain“ ist sicherlich ein ausgewogenes und gut produziertes Album; kein Song ist schlecht.

Allerdings fehlt der große Wurf – dieser alles überra-gende Song, der dafür sorgt, dass man genau dieses und nicht andere Alben in der Dauerschleife der Playlist behält. Angesichts der hohen Erwartungen hätte es ruhig etwas mehr sein dürfen. Dennoch wird Ray auch das „verfixte dritte Album“ überleben, denn man spürt ganz deutlich, dass er noch lange nicht ausverkauft hat. Seine Liebeserklärung an Meg White eröffnet er mit den Worten „Meg White, you’re alright“ – dem kann
man sich nur anschließen: Du auch Ray, du auch.

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