Radiohead – Pablo Honey, The Bends, OK Computer (Special Edition)



Am 20. März scheint 2009 der Tag für Re-Issues zu sein. Pearl Jam legen gleich vier verschiedene Paketversionen ihres Debütalbums “Ten“ auf und die ehemalige Plattenfirma der britischen Kollegen von Radiohead macht mit den ersten drei Platten des Quintetts das Gleiche. “Pablo Honey“, “The Bends“ und “OK Computer“ veröffentlicht man – je nach Geldbeutel und Vorliebe – als ‘Collector’s Edition‘ (je zwei CDs im Digipack) oder limitierte ‘Special Edition‘ (je zwei CDs und eine DVD in einer stabilen, aufklappbaren Box). Da Wiederveröffentlichungen selten so opulent und stimmig daherkommen, wie die nun vorliegenden ‘Special Editions‘ der ersten drei Radiohead-Alben, möchten wir sie euch hier kurz vorstellen.



I. Die Alben

I.I. Pablo Honey (1993)

1993 fing Radioheads Rampenlichtkapitel mit ”Pablo Honey” an. Grunge hieß die prägende Musikrichtung der Zeit und so finden sich auch auf diesem, oft unterschätzten, Debüt einige Einflüsse aus dem Seattle-Lager. Dass die Tracks im legendären Fort Apache-Studio gemixt wurden, trägt seinen Teil zum vielleicht amerikanischsten Radiohead-Album bei.

”Creep” ist bis heute wohl immer noch einer der bekanntesten Radiohead - Pablo HoneyRadiohead-Songs,
eine Nummer, die dich magisch anzieht und nicht wieder loslassen wird. Der Rest trabt auf den ersten Blick nebenher, alles konzentriert sich auf die Hit-Single. Verweilen ist allerdings das Gebot der Stunde. Wer “Pablo Honey“ die Zeit zur Entfaltung gibt, wird mit reihenweise großartigen Momente belohnt. Hier ging’s für den britischen Fünfer los – noch ohne bemerkenswerte Elektronik, aber dafür mit viel Inbrust und dem Gefühl für den (Rock)Zeitgeist der frühen 90er.

I.II. The Bends (1995)

”The Bends”, für mich Radioheads Meisterwerk. Du legst es ein, “Planet Telex“ umströmt dich und fortan wirst du aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Null Ausfälle und zwölf absolute Kracher sind nach einem Durchlauf nüchtern zu konstatierten. Die Band zeigt hier bereits alles, für was sie spätestens ab “OK Computer“ und “Kid A“ in den Himmel gehievt wird.
Der rudimentäre Geist von Seatlle weicht auf Radioheads zweitem Album dem Sinn für das eigene Songgefühl. Einzig der Beginn von “Just“ erinnert auch 14 Jahre später immer noch irgendwie an Nirvana. Thom Yorke wird nach “The Bends“ nie mehr so Gänsehaut auf dein Schienbein zaubern, wie bei “Fake Plastic Trees“, “High And Dry“, “Black Star“ oder der abschließenden Übernummer unter Übernummern, “Street Spirit (Fade Out)“.

Where do we go from here?[…] Where are you now when I need you? Immer wieder umwerfend, das gesamte Album. Wenn ihr gezwungen werdet nur eine Radiohead-Scheibe besitzen zu dürfen, nehmt “The Bends“, Radioheads zeitloseste Ikone, Radioheads weißes Album.

I.III. OK Computer (1997)

Der Titel war ’97 Programm, Radiohead sagten “Ja” zum Computer. Hier begannen die Spielereien mit der Elektronik. Glücklicherweise alles noch nicht so ausladend wie bei den beiden Nachfolgern und noch sehr songorientiert. Das Ende der ersten Triologie (Eingang – Meisterwerk – Übergang) und gleichzeitig der Anfang der großen, Stadien füllenden, Rock-Götter ‘Radiohead‘.

Radiohead - OK ComputerVon der Kritik hochgelobt, von den Fans uneingeschränkt geliebt und von der Masse – durch Stücke wie “Karma Police“ oder “Paranoid Android“ – mehr als akzeptiert. “OK Computer“ zeigt die Band auf ihrem populären Höhepunkt – man könnte natürlich auch argumentieren, dass das Quintett davon im Lauf der Jahre noch mehrere haben sollte – und deuten den verschrobenen Weg ins experimentelle Selbstfinden, der folgenden Alben, an. Ein stimmiger Übergang von den „frühen“ zu den für einige gewöhnungsbedürftigen „mittleren“ Tage von Radiohead.

II. Das Bonusmaterial


II.I. Pablo Honey

CD: Satte 22 Bonus-Tracks bietet die in dieser Box enthaltene zweite CD. Von Livemitschnitten (“Ripcord“, “Killers Cars“ oder “Nothing Touches Me“), über Demo-Versionen (”Prove Yourself”, ”Stupid Car” oder ”Thinking About You”), bis hin zu B-Seiten (”Yes I Am”, “Coke Babies“ oder ”Inside My Head”), bietet der Silberling alles, was das Sammlerherz begehrt. Durchweg hervorragende Soundqualität, nicht nur für Radiohead-Nostalgiker eine äußerst feine Sache!

DVD: Hier hat man sich, wie auf der CD, nicht lumpen lassen. Vier offizielle Musikvideos, einen Top of the Pops-Auftritt (“Creep“) und neun Songmitschnitte aus dem Londoner Kultschuppen The Astoria, bietet der filmische Silberling. Man kann das durchaus als eine faszinierende Zeitreise ansehen.

II.II. The Bends

CD: Wie bei der Vorgänger-Box enthält die zusätzliche “The Bends“-CD über 20 Songs (21 um genau zu sein). Radiohead - The BendsNeben einer BBC Radio One Session gibt es die (zahlreichen) B-Seiten der Auskopllungen “My Iron Lung“, “High And Dry/Planet Telex“, “Fake Plastic Tress“ und “Street Spirit (Fade Out)“.Der kreative Höhepunkt der Band zieht sich übergangslos ins das „Ausschussmaterial“ hinhein. Phänomenal!

DVD: Die DVD bietet ebenfalls über 20 (filmische) Tracks. 22 Mal Radiohead ist es geworden. Fünf Promo-Videos, ein Auftritt bei Jools Holland, drei Mal Top of the Pops, eine 2 Meter Session und sieben weitere Songs des Gigs im Astoria, der schon auf der “Pablo Honey“-DVD vertreten ist. Das “The Bends“-Bonusmaterial überragt die ebenfalls starken “Pablo Honey“- und “OK Computer“-Kollegen.

II.III. OK Computer

CD: Im Vergleich zu den vorherigen Alben bietet die zweite “OK Computer“-CD verhältnismäßig „wenig“ Material. 15, mitunter relativ experimentelle, Nummern hat man aber am Ende trotzdem hier versammelt. Gehört das ursprüngliche Album noch zur bereits angesprochenen Triologie, ist vieles auf dieser Bonus-Disc schon einen Schritt weiter.

DVD: Auch die DVD ist im Vergleich zu “Pablo Honey“ und “The Bends“ eher spartanisch bestückt. Es gibt drei Musikvideos und drei Songs bei „Later…with Jools Holland“. Man war damals augenscheinlich schon etwas medienscheuer geworden.

III. Die Verpackung


Die Box, in der jedes der drei Alben kommt, ist über jeden Zweifel erhaben. Ich kann jedem, der mit Radiohead etwas anfangen kann, die Mehrinvestition (im Vergleich zu den geringfügig günstigeren ‘Collector’s Editions‘) nur wärmstens ans Herz legen. In den aufklappbaren Boxen (“The Bends“ ist in schwarz gehalten, die anderen beiden in weiß) befinden sich die drei Discs – alle in individuell gestalteten Cardboard-Sleeves –, ein Booklet und an Postkarten erinnernde Bilder der jeweiligen Singles – die demnächst übrigens als Vinyl-Singles neu aufgelegt werden sollen – des entsprechenden Albums. Bei “The Bends“ sind das z. B. “Street Spririt (Fade Out)“, “Just“, ”Fake Plastic Trees”, ”High And Dry/Planet Telex” und die EP ”My Iron Lung”. Was man mithilfe der enthaltenen Silberlinge auf die Ohren bekommt, bekommt man mit der Box und dem entsprechenden Inhalt auf die Augen. Für Fans und Sammler eine ungeheuer feine Sache.

IV. Der Kritikpunkt


Seitdem Radiohead nicht mit ihrer Plattenfirma (EMI) verlängert haben und ihr siebtes Album “In Rainbows“ Ende 2007 selbst veröffentlichten, liegt ein gewisser Mantel der Feindseligkeit über den beiden ehemaligen Businesspartnern. Eine Woche nachdem die opulente “In Rainbows“-Box damals verschifft werden sollte, veröffentlichte EMI kurzerhand den gesamten Radiohead-Backkatalog neu. Ohne Extras, nur in neuen Verpackungen. Radiohead waren davon, und von der wenige Monate später folgenden “Best Of“-Compilation, wenig begeistert. Was für ein Zeichen der enttäuschte Major damit setzen wollte, liegt auf der Hand.

Mit den nun vorliegenden Boxen veröffentlicht man also Alben, die in den letzten anderthalb Jahren bereits wiederveröffentlicht wurden. Der Unterschied: Diesmal macht man es richtig. Was bei den vorherigen Re-Releases immer etwas von einer Ausschlachtung hatte, ändert sich bei diesen Re-Issues. Endlich nimmt man Bonusmaterial dazu und setzt der zugegebenermaßen immer edlen Wiederveröffentlichungsverpackung mit den tollen Boxen noch ein Krönchen auf.

V. Fazit


Sieht man von dem Zwist ‘Radiohead vs. EMI‘ ab und konzentriert sich auf die Umsetzung dieses Wiederveröffentlichungsprojekts, kann es, was mich betrifft, nur anerkennende Worte für die drei Re-Issues geben. Das Debüt “Pablo Honey“ und die epochalen Alben “The Bends“ und “OK Computer“ bekommen durch die ‘Special Editions‘ die Kleider auf den Leib geschneidert, die sie verdienen. Sowohl das Bonusmaterial, als auch die aufwendige Edelaufmachung rechtfertigen den Kauf für Fans des britischen Fünfers und jene, die das vielleicht noch werden möchten.
P.S. Die nächsten drei Alben sollen im Sommer in ähnlicher Form folgen.

[Sascha Knapek]

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