Pavement – Brighten The Corners



Anfang Dezember war für alle Pavement-Jünger mal wieder ein vorverlegtes Weihnachtsfest. Im relativ regelmäßigen Abstand von ungefähr zwei Jahren erscheinen über Matador, respektive Domino, alle fünf Studioalben der US-amerikanischen Indie-Ikonen, als liebevoll gestaltete und randvoll ausgestattete Re-Issues. Auf je zwei CDs verdoppelt sich der Silberlingsgehalt der Wiederveröffentlichungen, “Slanted & Enchanted“ (1992) machte 2002 als “Slanted & Enchanted: Luxe & Reduxe“ den viel umjubelten Anfang. Rare B-Seiten, Demo-Versionen, EP-Tracks, Livemitschnitte und etliche Dreiecksüberraschungen trocknen einem seitdem die kleinen Tränchen, die immer entstehen, wenn man daran denkt, dass es diese wundervoll-abenteuerliche Band mittlerweile schon seit fast zehn Jahren nicht mehr (aktiv) gibt.


Wie bei keinem anderen Pavement-Album steht hinter – der hier exzellent remasterten Ursprungsfassung – “Brighten The Corners“ der geniale Kopf von Stephen Malkmus. Blickt man auf die nackten Zahlen, schrieb Malkmus auf jeder Pavement-Platte die meisten Songs und als Hauptvokalist stand er sowieso stets im Mittelpunkt. Stücke wie “Stereo“, ”Shady Lane/J Vs. S“, “Old To Begin“ oder “Embassy Row“ verkörpern jedoch den halsbrecherischen Pop-Geist von Malkmus besser, als alles was davor und danach kam. Auf dem vierten Studioalbum hatten sich die Musiker von Pavement endgültig gefunden und die gemeinsame Zielsetzung spiegelt sich in jedem der zwölf ursprünglich enthaltenen Tracks wieder. Neben den meisten Hits hat das im Februar 1997 veröffentlichte “Brighten The Corners“ einen Vorteil, den ihm niemals jemand nehmen kann: Es ist mit die homogenste Indie Rock-LP, die in der Blüte dieses Genres – den mittleren 90ern – veröffentlicht wurde. Damals bekam ich die Scheibe von meinen Freunden zum 18., jetzt lag die Wiederveröffentlichung unterm Weihnachtsbaum. Irgendwie putzig diese Geschenkhistorie.

Sind die eigentlich Album-beendenden Übernummern “Starlings Of The Slipstream“ und “Fin“ – bzw.
“Infnite Spark“, so steht’s auf den europäischen Versionen des Ausgangsalbums – vorbei, war früher
die Repeattaste oder der Wechsel zu einem anderen Album angesagt. Die nun vorliegende Nicene Creedence Edition, der vierten Pavement-LP, schraubt die ursprünglich gut 45 Minuten auf über zweieinhalb Stunden. Satte 44 Tracks beherbergt das Deluxe-Gewand. Unglaubliche Studio-Outtakes, Alternate-Takes und B-Seiten (z. B. das eigentlich als Opener vorgesehene “And Then (The Hexx)“, die “Stereo“ B-Seite “Winner Of The“ oder Outtakes der BTC-Session wie “Beautiful As A Butterfy“ und “Cataracts“) zeigen, zu was Pavement damals in der Lage waren. Es reiht sich Archivperle an Archivperle und hier von einem verdreifachten “Brighten The Corners“-Vergnügen zu sprechen, ist sicher nicht übertrieben. Der erste Multiplikator ist die remasterte Komplettsession. Der zweite Multiplikator ist die Fülle und Klasse des dazugekommenen Songmaterials – 18 der 32 Bonustracks waren bis dato gänzlich unveröffentlicht.

Und der dritte Multiplikator ist das uneingeschränkt rockende – 50-seitige – Begleitheft (mit jeder Menge Fotos, Anekdoten, Hintergrundinfos und einem Essay von Alex Ross). Ganz groß! Was bleibt einem nach dem opulent erweiterten Genuss des eigenen Lieblingsalbums von Pavement noch zu sagen, ja zu erwarten? Auszusprechen wäre der Glückwunsch an alle Vorbesteller der Nicene
Creedence Edition. Die bekamen neben Sneak Peaks und mitunter exklusiven Vorab-MP3s nämlich noch etwas richtig tolles ins Weihnachtsnest gelegt: die verschollen geglaubte Live-LP “Live Europaturnén MCMXCVII“. Der exklusive Vinyl-only Mitschnitt sollte eigentlich schon kurz nach seinem Entstehen (im Rahmen der ‘97er Euro-Tour der Band) veröffentlicht werden, fel dann aber leider doch unter den Tisch. Jeder, der die Schallplatte jetzt in den Händen hält, ist ein Glückspilz, denn sie verkürzt die natürlich mal wieder viel zu lange Wartezeit auf den nächsten – und leider letzten – Re-Release einer Pavement-Platte. 2010 ist das dann elf Jahre alte “Terror Twilight“ dran.
[Sascha Knapek]

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