Braddigan – Live at the Belly Up


Brad Corrigan ist einer dieser Typen, die es leider viel zu selten gibt: Bodenständig, begeisterungsfähig, idealistisch, großherzig, unverbesserlich optimistisch, sozial engagiert… und natürlich verdammt musikalisch. Fleißige SR-Leser wissen das selbstverständlich längst, weshalb eine Rezension des jüngsten Erzeugnisses der Gruppe „Braddigan“ Pflicht ist.

Dem bisherigen Live-Studio-Live-Studio Rhythmus entsprechend, handelt es sich beim fünften Braddigan-Album konsequenterweise wieder um einen Live-Mitschnitt – diesmal aus dem San Diegoer Kultschuppen „Belly Up“. Am Start sind neben Frontmann Corrigan, wie zuletzt immer, Percussionist Reinaldo de Jesus aus Puerto Rico und der brasilianische Bassist Tiago Machado. Dazu kommt der New Yorker Drummer Paul Stivitts. Das Quartett bietet über eine Dauer von gut 75 Minuten verteilt auf 12 Tracks eine solide Live-Performance. Die Setlist liefert, wie bei Live-Alben üblich, wenig Neues: Mit Ausnahme von „Power of a Name“ sind bereits alle Songs veröffentlicht worden, im Falle von „Walls“, „Fare thee well“, „Customs“ und „Pura Vida“ sogar mehrfach und auch bereits live. Der angesprochene neue Song ist ein Bekenntnis zum christlichen Glauben und beherbergt damit den heiklen Stoff, der sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht. Was man von religiösen Inhalten in Musik halten mag ist Geschmacksache. Nichtreligiöse Menschen nehmen es meist gelassen und sehen über die ein oder andere Botschaft bereitwillig hinweg. Aber bei Braddigan geht das nicht so einfach. Es ist bekannt, dass Corrigan tiefgläubig ist und das drückt sich – leider Gottes (dieses Wortspielchen sei erlaubt) – in einer entsprechenden spirituellen Extrovertiertheit aus.

Es gibt praktisch kein Entkommen vor den religiösen Motiven und der Song „Power of a Name“ ist so voll davon, dass es einem, wohlwollend ausgedrückt, tierisch auf die Nerven gehen kann. Aber für Christen ist es sicher super. Rant-Ende. Es wäre unfair die Platte wegen solch subjektiver Differenzen zu verreißen. Schließlich weiß man ja schon vorher, woher der Wind weht.. Und rein musikalisch gesehen ist ja auch alles Sahne. Der Song „Pura Vida“ zum Beispiel steckt so voller Leben und geht dermaßen tief unter die Haut, dass er wie ein Gegenmittel zur religiösen Überdosis wirkt und selbst erbitterten Atheisten ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Das angehängte Redding-Cover „Sitting on the Dock of the Bay“ steht dabei für den guten Vibe, der im Prinzip von jedem Song ausgeht. Das Rezept zum vollen Genuss von „Live at the Belly up“ liegt in einem sehr wählerischen Textverständnis. Hier und da einfach mal wieder Kind sein und kein Wort verstehen. Stattdessen bei „Customs“ ein bisschen „Eeeeeyoooo“ mitsingen und sich bei „Fallin’“ von betörenden Percussion- und Drumsoli davontragen lassen. Dann passt das.

Bei der Story rund um Ileana sollte man aber wieder aufmerksam zuhören. Hier geht es um essentielle Fakten des Lebens, die Menschen aller Weltanschauungen betreffen und an die wir eigentlich jeden Tag erinnert werden sollten. Die Geschichte von brennenden Müllhalden in Nicaragua, von Kinderprostitution, Drogensucht und völliger materieller Armut ist hinlänglich bekannt (es sei auf die Reducer #7 und #8 verwiesen) und kann doch nicht oft genug wiederholt werden. Es geht dabei aber nicht einfach um Mitleid für die unterprivilegierten Bewohner der dritten Welt, sondern auch darum, ein Bewusstsein für das eigene, völlig unverhältnismäßige Selbstmitleid innerhalb der großen Industrienationen zu schaffen. Der Track „Where is Poverty“ hält einem da einen unvorteilhaften Spiegel genau vors Gesicht. Dennoch ist auch hier die Message im Grunde positiv: Es geht uns verdammt gut!

„Live at the Belly up“ ist musikalisch eine runde Sache. Die Band harmoniert und verschafft insbesondere durch die lateinamerikanischen Einflüsse von Machado und de Jesus dem Auftritt eine Aura von Sommer und positiver Energie. Brads fortwährenden Ansprachen an das Publikum zeigen, dass es der Band nicht einfach darum geht das Programm runterzuspulen, sondern dass sie mit dem Herzen dabei sind und eine Botschaft haben. Dennoch ist der Gesamteindruck unausgeglichen: die konsequente religiöse Berieselung geht einfach zu weit. Wenn zum Schluss Tiagos Frau Deise im Duett mit Brad das letzte Lobpreis in Form von „De el“ haucht, dürfte bei manch einem die Schmerzgrenze erreicht sein. Dafür gibt es dicke Abzüge in der B-Note.

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