Roger Willemsen – Der Knacks


Roger Willemsen ist das beste Beispiel dafür, dass intellektuelle Menschen keinesfalls als weltfremde und isolierte Hasser der Massenkultur enden müssen. Das Gerede um den Elfenbeinturm wird ja sowieso überspitzt und der Tausendsasser Willemsen, der zu den beeindruckendsten Persönlichkeiten unserer Gegenwartskultur zählt, ist wohl die Verkörperung des Gegenbeispiels.

Allein ein kurzer Einblick in den bisherigen Lebens- und Bildungs-Verlauf des charmanten Autoren würde den Rahmen des Artikels sprengen. Studium, Jobs als Museumswächter und Reiseleiter, geschätzte Übersetzungsarbeiten (unter anderem Umberto Ecco) und große Erfolge als Schriftsteller und TV-Moderator sind nur einige wenige Eckdaten dieser Erfolgsgeschichte.

Und es ist gerade diese Gradwanderung zwischen Pop und Intellekt, die ihn auszeichnet. Hier glänzt er als Publizist oder Esssayist, in einem beeindruckenden Interview mit Wim Wenders für die DVD-Edition der Wenders-Filme widerum als großer Filmkenner mit viel Feingespür und bei Youtube sieht man ihn in einer Runde mit Ferris MC und Charlotte Roche, in der er lässig und natürlich pubertäre Spiele wie Tat oder Wahrheit spielt Mit seiner neuen Buchveröffentlichung, dem Essay “Der Knacks”, gelingt ihm sein heimliches Meisterstück. Dieses fängt zunächst als persönlicher Bericht an. Willemsen erzählt vom frühen Tot seines Vaters. Dabei gelingt es ihm die Erzählung der eigenen Geschichte mit wundervollen Bildern und amüsanten Nebengeschichten zu füllen. Gerade dieses Feingespür für Sprache, das bereits seine “Deutschlandreise” und seinen Roman “Kleine Lichter” auszeichnete, machen die Rezeption dieser Arbeit, trotz des eher traurigen Themas, zu einem großen Vergnügen und einer kleinen Bildungsreise. Bereits in dieser einleitenden persönlichen Schilderung verfällt ihm der Leser bzw. Hörer (die Arbeit gibt es ebenfalls in einer Hörspielfassung).

Ausgehend von dem traurigen Ereignis, dem persönlichen Knacks, entfaltet er seinen Essay über den Moment, in dem das eigene Leben einen Knacks bekommt. Was folgt sind persönliche Erinnerungen und winzige Beobachtungen des Alltags, die an die Glanzmomente der Romane Wilhelm Genazinos erinnern. Diese werden kulturell mit Anekdoten, Vergleichen und Weisheiten belebt. Willemsen gibt sich hier als Flaneur mit viel Sinn für kleine Beobachtungen im Alltag und einer hervorragenden philosophischen Bildung.

Am Ende dieser fesselnden Reise durch unsere Kulturgeschichte des Knacks, stellt sich beim Leser eine ambivalente Mischung aus Betroffenheit, angesichts der traurigen Schilderungen, und völliger Entzückung, angesichts der fulminanten Sprache des Autors. Mit einem sanften Griff wird das Buch daraufhin in´s Buchregal gestellt. All dies jedoch mit der Gewissheit, dass es in wenigen Wochen wieder hervorgeholt wird.

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