Jeff Ament – Tone



Wenn Mitglieder deiner Lieblingsband Soloplatten veröffentlichen, schlagen – zumindest bei mir – immer zwei Herzen in der Brust. Auf der einen Seite freut man sich auf musikalische Neuigkeiten und ist gespannt wie sich das enthaltene Songmaterial von dem der Hauptband unterscheidet. Im Gegensatz dazu denkt man jedoch schon das ein oder andere Mal daran, warum nicht einfach die besten Einfälle solcher Projekte genommen, in einen Topf geschmissen werden, und ein neues Album der Lieblingsband entsteht. Den eigenständigen Künstlern in einem solchen Kollektiv tut man als Fan mit der zweiten Forderung oft Unrecht. Jeder Mensch braucht gewisse Ventile, bei kreativen Teilzeitsongwritern in einer großen Band, sind das dann eben mitunter relativ verschrobene Soloalben.

Bei Pearl Jam ist Jeff Ament mit- und eigenverantwortlich für Singlematerial wie “Jeremy“, “Nothing As It Seems“ oder “Nothingman“ und obskurere Tracks wie z. B. “Pilate“ oder das von Ament ge-
sungene “Sweet Lew“ von der Raritätensammlung “Lost Dogs“. Auf seinem ersten Soloalbum “Tone“ – bisher fand Aments aktivste Musikarbeit neben Pearl Jam in seinem ebenfalls als Band strukturierten Seitenprojekt Three Fish statt – kann er seinem experimentierfreudigen Explorergeist ohne banddemokratische Hindernisse nachgehen. Einige Songs haben sich im Lauf der letzten zwölf Jahre angesammelt, die der hauptberufiche Bassist in den zurückliegenden acht Jahren tröpfchenweise auf Tape gebannt hat. Von Pearl Jam B-Seiten-Material, bis zu chaotischem Art-Rock und dem selbst gestalteten Artwork ist alles dabei, was den 45-jährigen künstlerisch umzutreiben scheint.

Zehn mehr oder weniger songorientierte Stücke versammelt Jeff Ament auf “Tone“. Nummern wie
dem kurzen Primus-Gepolter “Just Like That“, der giftigen Chaosliebelei “Relapse“ oder dem unin-
spirierten Abschluss “The Only Cloud In The Sky“ hört man direkt an: Hier tobt sich jemand aus, der
mit solch grenzwertigen Ideen bei Pearl Jam bereits beim Vorführen der Demo-Versionen mit Kopfschütteln zugeschüttet würde. Die Stärken des Albums liegen aber nicht in diesen Momenten des lauten Auslebens der eigenen Brachialkreativität. Songs wie das ruhige “Hi-Line“, die Akustiksequenz “Say Goodbye“, die Amerika-Abrechnung “Bulldozer“ oder das “Immagine In Cornice“-Guckern bekannt vorkommende “The Forest“ – die Instrumental-Version wurde dort im Hintergrund benutzt, Eddie Vedder fand nie Zeit die Vocals für den Song aufzunehmen – sind die kleinen Geistesblitze des Mannes aus Montana. Dass Jeff Aments Stimme nicht fürs Singen gemacht ist, kann man bei Tracks wie “Give Me A Reason“ zwar nicht bestreiten, aber beim Großteil der Gesangsparts kaschiert Ament diese Schwäche doch überraschend gut. Beteiligt sind an Aments Soloausfug einige Menschen, die ihn schon seit Langem bei Pearl Jam oder seinem Nebenprojekt Three Fish begleiten. Richard Stuverud (u. a. Three Fish) drummt bei sieben Tracks und der King’s X-Frontmann Doug Pinnick leiht dem pathetischen “Doubting Thomasina“ seine Stimme.

Ansonsten wurde alles (der restliche Gesang, die Gitarren, der Bass, Schlagzeugparts, die Keyboards) von Jeff Ament eingespielt und von Pearl Jam-Intimus Brett Eliason aufgenommen und
abgemischt. Insgesamt 3.000 Exemplare von “Tone“ waren ab Mitte September in amerikanischen Indie-Plattenläden und über die Pearl Jam-Homepage erhältlich. Ob es in den Plattenläden noch Alben gibt, weiß ich nicht. In der ‘Goods‘-Abteilung von pearljam.com war der Silberling auf jeden Fall schon nach wenigen Tagen ausverkauft. Verantwortlich dafür war sicherlich der Sammelinstinkt vieler Pearl Jam-Fans und nicht die Hoffnung auf ein Jahrhundertalbum. Das ist “Tone“ auch bei Weitem nicht geworden. Für zehn Dollar bekam man einen liebevoll gestalteten Einblick in einige Ideen des Songwriters Jeff Ament, abseits von Pearl Jam. Nichts für jeden Tag, aber auch nichts, das sarkastische Polemik verdient. Ein interessanter Seitenarm mit Höhen
und Tiefen.
(Sascha Knapek)


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