Alain Badiou – Das Jahrhundert


Das Ende eines Jahrhunderts bietet sich für einen umfassenden Rückblick geradezu an. Der Schlußstrich gibt uns die Möglichkeit auf einen abgeschlossenen Vorgang zurückzublicken und Bilanz zu ziehen oder in die Zukunft zu blicken, die plötzlich in die Gegenwart übergeht.

Man denke dabei nur an die unzähligen populären Rückblicke und intellektuelle Ansätze wie Günter Grass “Mein Jahrhundert” oder Italo Calvinos heimliches Meisterstück, die “Vorschläge für das kommende Jahrtausend”. Mit “Das Jahrhundert” präsentiert der Philosoph Alain Badiou seinen Rückblick auf das 20 Jahrhundert. Ein Jahrhundert, das wie er im Laufe seines Essays darstellt, mit einer Zeit des Umbruchs begann und sich in ein Jahrhundert entwickelte, in dem die Politik zur Tragödie wurde (André Malraux). Wenn man sich die Person Alain Badiou und seine Veröffentlichungen anschaut, wird klar wie interessant eine Auseinandersetzung mit seinem Rückblick sein kann. Badiou zählt zu den führenden Denkern der Gegenwart und ist für seine Art bekannt, sich von konventionellen Analysen und Ansichten zu lösen.

Besonders bemerkenswert ist dabei seine oft rezipierte Auseinandersetzung mit Samuel Beckett und sein Werk “Das Sein und das Ereignis”. Auch in seinem Essay zum “Jahrhundert” gibt sich Badiou in den einzelnen Teilen des Rückblicks typisch facettenreich und unkonventionell. Natürlich stehen auch hier wieder Aspekte wie die beiden Weltkriege und der so oft herbeizitierte Rückfall in die Barbarei im Mittelpunkt. Badiou geht hierbei jedoch stehts über eine schlichte Wiederholung der üblichen Beobachtungen hinaus und bietet somit mehr als simple Zusammenfassungen und Fussnoten alt bewährter Analysen. Meist baut er seine Thesen auf der Analyse einiger Gedichte (unter anderem Paul Celan und Bertolt Brecht) oder zitierten Dramen und hangelt sich daraufhin kohärent durch die einzelnen Kapitel. Stellenweise gleicht dieser Rückblick auf das Jahrhundert einem Rückblick auf das bisherige Schaffen Badious. So begegnet man hier hin und wieder seinen alten Arbeiten, die er stimmig in seine Argumentation einbettet.

Doch was hat Badiou nun über das 20. Jahrhunder zu sagen? Thesen wie die, dass es ein Jahrhundert sei, das die Träume des 19. Jahrhunderts verwirklichen würde (Revolutionsgedanken des 19. Jahrhundert und ihre Umsetzung im 20. Jahrhundert) werden hier vorgestellt. Das Jahrhundert sei das geforderte letzte Gefecht und die Kunst habe vorrangig eine Avantgarde-Funktion. All dies sind kleine Schnipsel eines interessant verfassten Essays, das sprachlich (auch in der deutschen Übersetzung) zu überzeugen weiß. Und das Fazit des Jahrhunderts? Ohne das Badiou hier verurteilen würde, fällt diese Bilanz des Jahrhunderts düster und ernüchternd aus. Wer hätte es gedacht. Diese Analyse des 20. Jahrhundert war weit entfernt von der so oft geforderten Humanität.

Allen Interessierten sei an dieser Stelle ergänzend Alain Bardious Vortrag, den es neben Vorträgen von Judith Butler oder Avital Ronell im Rahmen der Videoreihe der European Graduate School bei Youtube zu sehen gibt, empfohlen.

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