Montevideo



Von Schweizer Schokolade, Barbaren in Jogginghosen und warum Kinderschuhe ganz schön cool sein können.

Montevideo. It tells me something. Wie bitte? Youwanna hold my hand? Äääh! If I let you be my man? Nicht so voreilig! denke ich und schalte vorsichtshalber lieber das Radio aus, damit die Beatles ihre Heiratsanträge an andere Ohren verteilen können und ich Montevideo erst einmal in Ruhe kennenlernen kann. Speeddating – wie viele Orte kann man innerhalb kürzester Zeit bereisten? Warum nicht? Vorerst muss die große, weite Welt allerdings erst mal warten, damit ich mich ohne dicken Backpackerrucksack rücklings auf mein sensorisches Rollbrett legen und Montevideo für zwölf Monate von vorn bis hinten auseinander nehmen kann. Doch vorher muss ich aufpassen, dass Montevideo mich nicht auseinander nimmt: mein erster Spaziergang auf der Avenida 18 de Julio, der obligatorischen Hauptschlagader der Stadt, die verglichen mit anderen Großstädten Lateinamerikas verhältnismäßig gemächlich, aber dennoch zuverlässig viel zu viele Autos durch die Stadt pumpt, endet jäh an der kugelsicheren Brust des Wachmanns einer Bank. Perdona! will ich gerade stottern, als die kugelsichere Brust mit einem schnellen Handgriff ihr Maschinengewehr fester umfasst und mir mit einem finsteren Blick klar macht, wer hier am längeren Hebel bzw. Abzug sitzt. Doch noch bevor ich verwirrt weiterstolpern kann, bemerke ich, dass der Wachmann gar nicht so schwer ist, wie es scheint, sondern es ihm vielmehr ziemlich schwer fällt, mir anstatt eines einschüchternden Blicks kein schüchternes Lächeln zuzuwerfen.

So läuft der Hase hier also? Erst einen auf dicke Hose machen und dann nichts dahinter? Pah! Aber nein, schnell wird mir klar, dass Montevideo sich im Schatten seiner großen, fast übermächtigen Schwester Buenos Aires angewöhnt hat, den Schein lieber sein zu lassen. Das Ah! und Oh! der Stadt lässt sich nicht mit Touristenguide und Digitalkamera in der Hand abfotografieren, sondern viel besser gemütlich bei einem heißen Matetee am Ufer des Río de la Plata mit einem der 1,3 Mio. Einwohner herauskitzeln. Doch ist es wirklich die Schüchternheit des kleinen, verunsicherten Bruders? Die Gelassenheit eines touristisch bisher noch weitgehend unbemerkten Underdogs? Oder vielmehr die Lethargie einer Hauptstadt, die heute dem früheren Vergleich mit der reichen Schweiz nur noch dadurch gerecht wird, dass man sie sich wie ein Stück Schweizer Schokolade genüsslich auf der Zunge zergehen lassen kann? Der schüchterne kleine Bruder jedenfalls betrachtet mich täglich, lässig an eine Hauswand gelehnt und an seinem Mate nuckelnd, mit verstohlenem Blick – la alemana, was will sie denn verdammt noch mal in Montevideo? – und wagt erst nach einigen Minuten mich nach meinem Namen zu fragen und mich davon zu überzeugen, warum wir zwei denn ganz gut zusammen passen könnten.

Und wie es aussieht, könnte das mit uns tatsächlich eine barbarisch gute Sache werden – bárbaro! wie die Uruguayos sagen würden.
[Vera Hölscher]

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