Kanye West – 808s & Heartbreak



Um markante Worte sind Rapper nie verlegen. Kanye West ist da natürlich keine Ausnahme. Ob er George W. Bush wegen dessen Katrina-Politik scharf angreift oder sich selbst im dicke Hose Stil auf die Brust klopft und herausposaunt, was für ein toller Kerl Kanye West doch ist. Klappern gehört zum Handwerk und das beherrscht der 31-jährige Mann aus Chicago, Illinois wahrlich meisterhaft. West entwarf als Künstler und Produzent im Hintergrund bislang von der Kritik hochgelobte Tracks, die ihn zu einem interessanten Innovator im oftmals einfach nur prolligen Rap-Zirkus haben werden lassen. Seine Stärke ist dabei die Unvorhersehbarkeit seiner Aktionen und Ideen. Das neue Album “808’s & Heartbreak“ könnte nicht besser in diese Tradition passen.


Wer harten (Gangster-)Rap und politische Prosa – die in dieser Zeit der US-amerikanischen Geschichtsschreibung sicher naheliegend gewesen wäre – erwartet, der wird schnell enttäuscht sein. Vielen West-Fans wird es so gehen. Wer ein zweites “Touch The Sky“ möchte, muss warten. “808’s & Heartbreak“ verkörpert den Schulterschluss von Rap und Pastell-Pop. Kanye West wirft sich abermals in die Puderdose und kreiert seine eigene Liebesgeschichte. Die Vocals sind oft bis zur Grenze des Zumutbaren technisch aufgepeppt und weich gezeichnet. Tausend Nackenhaare stellen sich bei Nummern wie “Say You Will“, “Paranoid“ oder “Amazing“ im Bruchteil einer Sekunde auf. Und trotzdem ist das alles kein Mist. Kanye West geht an die Grenze seiner musikalischen Biografie. Er fordert damit heraus und genau das macht “808’s & Heartbreak“ zu einem interessanten und gelungenen Projekt.

Wenn Kanye West 2009 sein angekündigtes – noch unbetiteltes – fünftes Studioalbum herausbringt, wird dessen Andersheit nicht verwundern. Ein zweites “808’s & Heartbreak“ wird sich der Unternehmer bestimmt nicht aus den Rippen leiern, er greift lieber neue Sachen an. Kanye Wests aktuelle Platte ist mutig und ganz und gar nicht das, was man heutzutage hinter dem neuen Album eines Rap-Moguls vermutet. Er lässt die profane Gleichförmigkeit weit hinter sich und wagt einen gewagten Pop-Exkurs. Für viele Ohren werde die enthaltenen Songs zwar eine Zumutung sein, aber für den Mut zum geplanten – zumindest im Rap-Bereich – Tabubruch sage ich: Chapeau Herr West.
[Sascha Knapek]

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