Californication 3



Hank Moody war erfolgreich, gefeiert, auf dem Weg zur nächsten “Great American Novel“. Bret Easton Ellis zählte ihn zu den aufstrebenden, jungen Autoren und sein Roman “God Hates Us All“ wurde mit TomKat in den Hauptrollen zum Blockbuster “A Crazy Little Thing Called Love“ umfunktioniert. Das ist Jahre her und genau dort liegt der sprichwörtliche Hund begraben. Mittlerweile ist der New Yorker endgültig im Sündenpfuhl Los Angeles angekommen, hat die Beziehung zu der Mutter seiner Tochter vortrefflich gegen die Wand gefahren, döst zwischen Selbsthass, Selbstzerstörung und der Suche nach einstiger Kreativität und schwimmt dementsprechend narzisstisch „in a sea of pointless pussy“.

2007 feierte Californication auf dem US-Bezahlsender Showtime Premiere. Zusammen mit der bereits etablierten Vorstadtsiedlungsabrechnung Weeds entwickelte sich die von Tom Kapino (Dawson’s Creek) entwickelte TV-Serie zu einem rastlosen Montagsduett, dass so rein gar nichts mit dem hinlänglich kolportierten Prüderieamerika zu tun hat. Wenn das hymnische “You Can’t Always Get What You Want“ ertönt und Hauptdarsteller David Duchovny (Akte X) im Traum einen Blowjob von einer Nonne bekommt, ruft dieser Serienstart natürlich sofort erzürnte Sittenwächter und die Vorreiter der Bigotterie auf den Plan.

Sicher ist das alles überzeichnet und man merkt dass hier natürlich auch provoziert werden will. Auch, aber nicht nur – eher nebenbei. Denn auf was es wirklich ankommt, sind die Figuren, ihr Verhältnis zueinander, was sie nicht loslässt, was sie antreibt, was mit ihnen passiert. Californication erzählt die Geschichte von Hank Moody und seinen Wegbegleitern, wie ein aufregender Roman. Für eine Fernsehserie ein Kompliment und eins mit dem der geschulte Deutschgucker anfangs – und ohne Hartnäckigkeit – eventuell etwas überfordert sein wird, wenn die Serie im kommenden Herbst auf RTL2 läuft. Zwischen Frauentauschdelirium und Pokemonwahnsinn wird der angebliche Unterschichtensender dann eine der Speerspitzen des zeitgenössischen Fernsehens beherbergen und sich (wie schon bei „24“ oder „Dream On“) an ein Format herantrauen, das andere Anstalten wegen des mangelnden Vertrauens in die Intelligenz des Zuschauers links liegen lassen.

Mangelnde Intelligenz ist übrigens nicht nur etwas, dass Programmplaner dem deutschen Publikum andichten, es ist – diese Randnotiz muss im Californication-Kontext gestattet sein – auch etwas, dass Anthony Kiedis und seine Kollegen von den Red Hot Chili Peppers (RHCP) unter Beweis stellten. Man sollte dem Sänger einmal raten an einer livetauglichen Stimme zu feilen und nicht Hirngespinste in die Welt zu setzen, wie die Auffassung, dass der Serientitel Californication irgendwelche Rechte der Band verletzen würde.

Den Begriff gab es bereits, als die RHCP fast noch gänzlich in die Windeln gepupt haben, und beschreibt sinnbildlich den kalifornischen Einfluss auf Staaten wie Oregon oder Washington. Die äußerst kleinkarierte Klage der Chili Peppers zeigt, wo sich diese Band mittlerweile befindet. Sogar aus wohlgemeinten Hommagen (ein Californication-Charakter heißt z. B. Dani California) wird versucht Profit und Schlagzeilen zu schlagen.

Lustig, selbstdestruktiv, produktiv, kreativ, und genau so politisch korrekt wie das reale Amerika, das sich hinter der Fratzenfarce versteckt. So ist Hank Moodys kalifornische Welt. Nicht jeder rennt wie der Schriftsteller wild-fickend und jederzeit pointensicher durch L.A., jedoch sind die häufig vorkommenden Sexszenennippel, Kraftausdrücke und trivialen Entgleisungen ein wahrscheinlich noch größerer Teil der kontemporären US-Gesellschaft als Megakirchen, Vierfach-Big-Macs und Weltignoranz. Wie der Gossenjargon durch die Figuren Hank Moody oder dessen Verleger Charlie (gespielt von Evan Handler) teilweise als redebildendes Stilmittel eingesetzt wird, erinnert nicht selten an David Mamet und seine Dialoge des spartanisch-vulgären Wortwechsels.

Fuck, so muss gutes und intelligentes Fernsehen sein! Hank Moody ist vielleicht niemand dem du deine Kinder anvertrauen möchtest, aber er ist deinitiv eine der bestgeschriebensten TV-Figuren seit Nancy Botwin oder Tobias Fünke. Wie Duchovny seine Darstellerkollegen teilweise an die Wand spielt und wie real das Patchworkensemble (u.a. mit Evan Handler aus Sex And The City, Madeline Zima aus Die Nanny oder Pamela Adlon, die amerikanische Stimme von Bobby Hill) die kalifornische Literatenerzählung in Szene setzt, ist beeindruckend. Ähnlich wie die zahlreichen Zitate die uns Californication mit an die Hand und hinein in den Alltagswahnsinn gibt. „It might be nice if I could fellate myself, while farting The White Album“, ist nur eins davon.

Californication versucht nicht hip zu sein und die Serie biedert sich auch nicht an. Das scheinbar sündige Babel entpuppt sich als die Suche nach dem langen Weg zu aufrichtigen und vor allen Dingen ehrlichen Werten. Abseits von Aufputschmitteln, gepiercten Sexabenteuern, bedeutungslosen Orgasmen aller Art und markanten Sprüchen, sucht Hank Moody den vermissten Halt, den obligatorischen Sinn des Lebens und den zündenden Einfall. Dadurch deckt er unzählige oberlächliche Plattitüden im Alltagsamerika des 21. Jahrhunderts auf. Wenn er sich über hängende Brüste und ungeliftete Schamlippen freut, sagt das zwischen den Zeilen und im Californication-Kontext viel über die im positiven Sinn konservativen Werte aus, die die Figur des Hank Moody verkörpert. Sein einäugiger Porsche fungiert dabei als spiegelndes Situationsbild.

Wie erwähnt, Californication soll ab Herbst auf RTL2 laufen. Man darf gespannt sein wie – und ob – die deutsche Synchronisation es schaffen wird, den in jedem Partikel steckenden Wortwitz ins Deutsche hinüber zu retten. Wer nicht warten will und sich Californication im Original ansehen möchte, dem rate ich zum Kauf der als Import erhältlichen DVD-Box Californication – The First Season. Hank Moody ist wahrlich ein „analog guy in a digital world“ und Californication ein brandungsreiches Eiland guter Skripte im seichten Tümpel anderweitiger Fließbandproduktionen. Zur Hölle, jede Serie, in der neben Joseph Conrad auch Ice Cube zitiert wird, ist großartig. Word!


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3 Gedanken zu “Californication

  • Nathan

    Aufjedenfall, er macht seine Sache super, ich würd ja gern mal einen der Drehbuchautoren treffen^^ Wenn das mal keine durchgeknallten Personen sind (natürlich nur im positiven ^^

  • Mat

    Ich mag die Serie auch.

    Finds auch schwachsinnig, was sich die Chili Peppers da rausnehmen wollten..

    ..ABER wenn du sagst, er solle an einer besseren Livestimme feilen, hast du weer verstanden um was es bei rhcp geht, noch wirst du die Tiefe der Serie verstehen