Shooting John – Happiness +/-



Eigentlich sollte dem ausführlichen Booklet des zweiten Shooting John Longplayers ein Begleitzettel beiliegen, auf dem zwei Mißverständnisse, die den naiven Hörer zunächst verschrecken könnten, aus der Welt geräumt werden.

Falscher Schluß #1: Beim Blick in´s Booklet erscheint über der Hälfte der Songs der Name Björk, doch so recht sagt einem keiner der Titel etwas. Hilfe!
Beruhigende Auflösung #1: Nein, dies ist keine Coverplatte der abgefucktesten Björk B-Seiten. Hinter dem Namen steckt in dem Fall der Shooting John Gitarrist Martin Björk.

Falscher Schluß #2: Peder Gravlunds Stimme bringt zunächst traumatische Erinnerungen an Jason Wade, den Sänger der Lifehouse-Dumpfbacken. Hilfe!
Beruhigende Auflösung #2: Statt platter Collegerock-Nummern und Pathos bis zum erbrechen, bezaubert Gravlunds Projekt Shooting John – ganz skandinavisch – mit sanfter Melancholie in subtil aufgebauten Songs.

Hat der Hörer diese beiden Fallen überwunden, dann kann er sich dem Konsum der Songs widmen, die einem sanftmütigen Lächeln auf Repeat gleichen. Hier wirkt alles wie aus einem Guss. „Happiness +/-“ steckt voller Americana Songs für melancholische Sonntage oder andere Wochentage, die sich gerade wie melancholische Sonntage anfühlen.

Die Stücke lassen desöfteren die typischen Songstrukturen hinter sich, ohne es sich jedoch anmerken zu lassen und auch bei den Backing Vocals der Multiinstrumentalistin Hela Arlock wird der Bogen nicht überspannt. Hier ein Tupfer, dort eine Andeutung. All dies ähnelt einem verspielten Necken. Kleinen Küssen von denen man mehr mehr mehr möchte. So sitzt der Hörer in seinem Sessel, quietsch zwischendurch vor Freude und entdeckt mit jedem Durchgang neue Farbnuancen dieser liebenswerten Herbstplatte. Als Referenz fallen einem da die seeligen Whiskeytown und die Labelkollegen von Minor Majority ein, die dieses Kunststück der Reduktion ebenfalls so gut beherrschen.

Bereits der Opener „Love And Will“ geht direkt in´s Zuckerherz und ist noch nicht ganz vergessen, da klopfen bereits die Gesangslinien von „War“ am versiegelten Eingangstor und bitten um Einlass. „Hapiness +/-“ ist ein kleines unscheinbares Album, ohne Ecken und Kanten wirkt es vielleicht zu glatt, um den Winter zu überdauern. Doch wer denkt bei der Musik schon an den Winter?
[Sebastian Jegorow]

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.